Der Multikultihinterhof

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Der Muezzin ruft. Es ist Donnerstag. Fronleichnam in Köln.

Ich sitze auf unserer Dachoase, gucke durch den Bambusvorhang auf das Haus gegenüber, es ist ein Übergangsheim für Asylbewerber, so heißt es wohl im offiziellen Jargon. Die Glocken der großen Kirche haben wir bereits erfolgreich hinter uns gebracht, indem wir – und die gesamte Hinterhofgemeinde – lautstark die Schlafzimmerfenster zugeknallt haben beim ersten Glockenschlag, das Gebimmel ist kaum auszuhalten und auch viel länger als der Gesang des Muezzins. Der ist allerdings jetzt auch fertig.

Es ist dafür, dass wir mitten, also wirklich MITTEN in der Stadt wohnen, ruhig hier. Entspannt. Tauben gurren durch den Hof, gegenüber rotzt der Rotzer ins Klo und spült ab. Der Rotzer wohnt schon sehr lange im Übergangsheim für Asylbewerber. Denn die Abfolge dieser Töne ist uns so vertraut wie die Stimme des Imams unserer Hinterhofmoschee, der nur eine Stimmlage hat: Laut. Wenn er nach dem Gebet rauskommt, muss er mit einigen anderen – manchmal aber auch nur mit sich selbst, habe ich den Eindruck – die komplette Weltgeschichte diskutieren. Seine scharfe Stimme flattert wie eine große, fette Taube zwischen den Hauswänden hin und her. Letztens rief ein völlig entnervter Nachbar: „Sei doch mal was leiser du Arschloch!!!“ Nichts geht über einen freundlichen Umgangston in unserer fröhlichen Multikultiblase hier im Hinterhof.

Aus der Moschee erklingt Gesang. Der Imam sollte am besten nie sprechen, nur singen, das klingt schöner.
Später wird der Afrikaner von gegenüber wieder telefonieren. Dafür hängt er sich ins offene Fenster. Wahrscheinlich gibt’s im Übergangsheim für Asylbewerber kein Netz. Denn auch der Inder, der Aserbaidschaner, der Georgier, der Marokkaner und alle anderen hängen sich beim Telefonieren aus dem Fenster. Manchmal pinkelt auch einer vom Balkon.
Einmal gab es gegenüber eine Party, die ging mittags los und hatte gegen Nachmittag einen Schallpegel von 100 Dezibel erreicht. Da war Stimmung hier im Hinterhof.

Schön ist es auch, wenn mein Teamkollege seine Werkzeuge rausholt. Also dass wir uns nicht falsch verstehen. Er baut tolle Sachen damit. Tische, Sitzbänke. Es ist aber naiv zu glauben, dass man solche Dinge ohne Geräuschemmissionen herstellen kann. Ein Nachbar hat schonmal Kartoffeln nach ihm geworfen. Sie waren schon geschält.

Hinten links wohnt eine Frau mit einer unglaublichen Lache. Der Teamkollege ist der Meinung, so kann man nur lachen, wenn man ganz viele Sportzigaretten geraucht hat. Und rechts wohnen Studenten, junge Familien und alte Leute. Auch alte Kölsche, die keiner mehr verpflanzt.

Der Afrikaner sitzt manchmal abends in der Küche und spielt Gitarre. Mittlerweile kann er auch ganz gut Deutsch, denn er nimmt seinen Deutschkurs sehr ernst, hat er letztens am Telefon erzählt. Der Inder wohnt ganz oben unterm Dach und hört Banghra. Letztes Jahr hatte er ein Lieblingslied. Das konnte ich dann auch bald mitsingen.

Die Engländerin hat wohl Schluss mit ihrem Freund. Denn wir hören sie nicht mehr. Schreien. Dabei hatte sie so viel Freude am Sex. So viel, dass sie die Nachbarschaft gerne an ihrem Spaß teilhaben lassen wollte. So wurde vor jeder Nummer erst mal das Fenster aufgemacht. Weit. Dann ging’s los. Meine Kinder waren etwas irritiert, als sie das zum ersten Mal hörten. Ich hab da mal raufgerufen, dass die das Fenster zumachen sollen, weil hier Kinder sind. Weder das noch allgemeiner Szenenapplaus aus der gesamten Nachbarschaft haben die beiden beeindrucken können. Das mit dem Szenenapplaus war richtig lustig, das haben wir mehrmals gemacht.
Das Pärchen war schnell im ganzen Viertel bekannt. Ich wurde schon von außen drauf angesprochen.

Jetzt sind tatsächlich ein paar Amseln dazugekommen. Wie schön. Dafür, dass wir hier keinen einzigen Baum mehr haben. Die große Robinie wurde letztes Jahr abgeholzt.

Das Gebet ist beendet. Der Jasmin blüht und duftet. Es ist schön hier. Ich trink mal einen Kaffee jetzt.

 

++++Nachtrag 15. März 2016++++

Die Moschee ist längst geschlossen. Den schönen Gesang des Imams hören wir nicht mehr. Jetzt stehen die Räume leer und es ist irgendwie einsam geworden im Hof. Dafür werden unsere Nachbarn nun jeden Dienstag mit einem anderen Geräusch beschallt. Da probt nämlich meine Band Gäng Latäng – hier bei uns im Flötenfrosch Basecamp. Dem Hof haben wir auch einen Song gewidmet. Die Strophe mit der Moschee fehlt, könnte aber eventuell in einer extended version wieder auftauchen 🙂

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Ein Gedanke zu „Der Multikultihinterhof

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