Der Flötenfrosch macht alles neu

Hervorgehoben

Merkwürdige Zeiten generieren Kreativität. Was soll man auch sonst machen… außer Netflix gucken oder sich sämtliche Folgen von Bares für Rares auf Youtube reinzuziehen? Die Lösung: Den Frosch wecken.

Lange hat es in den Fingern gekribbelt. Soll ich wieder anfangen zu „trollen, schwärmen, schimpfen, dichten“? Meine Fotos und Reisen feiern? Unmusikalische Clubgäste oder das Nichtraucherschutzgesetz mit Schmutz und Häme bewerfen?

Och nö.

Der Flötenfrosch ist milder geworden.

Ich habe viel gelernt in den letzten Jahren – und immer neue merkwürdige und schöne Dinge passieren, es hört einfach nicht auf. Das, was ich so geschrieben habe, ist schon echt alt – was sind in diesen Zeiten 5 Jahre??? NICHTS! Was vor 5 Jahren galt, ist längst überholt, so schnell geht das. Daher sind meine alten Stücke nun archiviert. Ich finde es auch alles ok, deswegen lösche ich nichts – denn das war eben ich. Auch die „bösen“ Stücke lasse ich stehen, denn sie sind und waren authentisch.

Was ist jetzt neu?

Das Team Flötenfrosch hat ein neues großes Projekt: Es hat sich dazu entschlossen, sich einen Hund an die Seite zu holen.

Ein weiteres Projekt ist unser kleiner Camper, den wir in langsamen und kleinen Schritten erkunden, entdecken, „einwohnen“.

Und: Spezielle Zeiten erfordern und generieren spezielle Gedanken. Die Corona-Pandemie hält uns in Deutschland seit März im Griff, mal lockerer, mal fester. Jetzt, am Ende dieses komischen Jahres 2020 ist es gerade wieder ziemlich fest – kurz vorm Luft Abschneiden.

DJane bin ich nur noch im Karneval. Wann das zum nächsten Mal passiert, steht in den Sternen. Karneval hat sich in den letzten Jahren zu einem sehr wichtigen Bestandteil meines Lebens entwickelt, der weit über die Feierei an 6 Tagen im Jahr hinausgeht. Daher ist auch die Kategorie Kölle & Karneval neu.

Ach so: Ich rauche immer noch. Aber die Aufregung über Rauchverbote hat sich in Gewohnheit aufgelöst. So einfach kann das sein.

Leia

Nun ist die Kleine schon gute fünf Monate bei uns und längst mehr klein. Sie ist unser Sonnenschein, Gutelaunebär, Sorgenkind und Abrissbirne. Ein Leben ohne sie ist keine Option mehr.

Wir haben sie „Leia“ getauft, weil ich das so wollte und der andere Frosch sich fügte.

Wir hatten gar nicht so große Probleme mit Stubenreinheit und schlaflosen Nächten. Wenn sie nachts Pipi musste, grunzte sie in ihrer Box, dann ging es in den Hof, wo wir für sie ein kleines Hundeklo hingestellt haben, wo sie von Anfang an ihre Würstchen ablegte. Die schnellen kleinen Unglücke in der Wohnung waren kaum abzusehen, deswegen lag dort ein oller Teppich, den sie dankend angenommen und ordentlich benetzt hat. Dank Essigreiniger wurde das nicht zum Problem. Nach wenigen Wochen war das Thema gegessen. Das Hofklo wird nur in Notfällen benutzt, ansonsten hat sie draußen nun ihre Stellen.

Dieser unglaublich komplizierte Hund ist überhaupt gar nicht kompliziert. Sie ist genau so lebhaft wie sie dann auch pennen kann, und das stundenlang. Nachts kein Problem. Früh aufstehen? Fehlanzeige. Sie lernt schnell, zeigt es aber auch ganz deutlich, wenn sie unterfordert ist. Wenn sie ihre 5 Minuten hat, ist sie nicht zu bändigen – dann muss sie toben.

Sie liebt Menschen, sie ist zu allen freundlich und begrüßt sie freudig. Etwas zu freudig, denn sie springt. Das muss noch weg.

Sie ist auch sehr gerne beim Tierarzt. Wir sind leider sehr oft beim Tierarzt. denn sie nimmt alles mit, was sie kriegen kann. Giardien (ein lästiger Darmparasit), ein blöder Husten, eine Scherbe in der Pfote und ein entzündetes Bein. Wenn ich in der Praxis anrufe, rollen die schon den Roten Teppich aus. Ach ja, und Zecken sind völlig unbeeindruckt vom Seresto-Halsband. Wir benutzen jetzt ein Spot on von Advantix. Mal sehen, ob das besser wird. Jedenfalls ziehe ich die Zecken inzwischen mit Todesverachtung aus ihr raus und zünde sie an, bis sie platzen.

Unsere Waldspaziergänge sind Quality Time für Leia und mich; wenn wir nach Holland fahren oder am Wochenende Freunde im Grünen besuchen, lebt sie auf. Die Stadt ist zu eng für uns drei. Zu viele Menschen, zu viel Müll, zu viele Scherben. Wir hauen ab. Ich sag ja, es sind komische Zeiten.

Nestbau

Es sind noch zwei Wochen, bis die kleine Lady hier bei uns einzieht. Das Flötenfrosch-Team hat die Feierlichkeiten zum Jahreswechsel hinter sich gelassen und beginnt mit den Bauarbeiten – dieser Text liefert auch ein paar Praxistipps.

Wir leben in einer kleinen Hinterhofwerkstatt, die Bezeichnung „Loft“ könnte irreführend sein, denn mit hochglanzrenovierten ehemaligen Fabriketagen hat das hier wenig zu tun. Es ist gemütlich, etwa 70 m2 groß und oben gibt es noch ein halbes Stockwerk. Frage: Wie schaffen wir dem Welpen „seine“ Ecke, seinen Rückzugsort, wenn es nur einen Raum gibt? Praxistipp: Work in Progress. Wir richten eine Ecke ein, mit Box, Decke, Körbchen, was auch immer – wir wissen ja noch gar nicht, wie der Welpe die Box findet, ob er lieber eine Decke oder ein Körbchen mag. Ob er lieber unterm Klavier, hinterm Sofa oder in der einen Nische zwischen den zwei Kommoden residiert.

Von daher: Abwarten und Tier beobachten. Die Idee eines Welpenauslaufs in der Wohnung – quasi eines Laufstalls für Tiere – haben wir verworfen. Wir möchten keinen Zaun in unserem gemeinsamen Lebensraum stehen haben. Wir sind sicher, dass sich das neue Team-Mitglied einen Ort suchen wird, an dem es sich wohl und sicher fühlt.

Wahrscheinlich auf dem Sofa.

Die Treppe nach oben wird abgesichert, der andere Frosch hat noch einen alten Kinderlaufstall aus Holz – Upcycling ist das Zauberwort – hier werden Sperrmüllfunde, die seit vielen Jahren in Kellern lagern, endlich ihrer Bestimmung zugeführt.

Auslauf im Hinterhof: Wir haben zwar keinen Garten, wo Idealvorstellungen zufolge der Hund nach Lust und Laune herumtollen und sich erleichtern kann, aber wir haben ein Stück Hinterhof, das nur wir nutzen – und das jetzt unser kleiner Außenspielplatz wird.

Praxistipp: Abgrenzung vom Rest des Hofs durch einen Zaun aus Europaletten. Oben im Foto noch mit weihnachtlicher Stimmung. Europaletten kann man hinstellen; sie sind so schwer, dass sie nicht umfallen – außer man wendet rohe Gewalt an. Das ist bei einer gemieteten Immobilie ziemlich sinnvoll: Denn dieser Zaun ist nirgendwo an oder in der Immobilie fixiert und kann nach Gebrauch ohne Spuren entfernt werden. Ein weiterer Vorteil: Europaletten sind nicht soooo hässlich und bieten durch ihre Bauweise Möglichkeiten Blumenkästen etc anzubringen.

Stichwort Blumen: Unsere Oleanderzucht muss gesichert werden. Nicht wegen des Oleanders. Sondern wegen des kleinen neugierigen Hundes, der alles anknabbern wird was nicht niet- und nagelfest ist, da machen wir uns nichts vor. Oleander ist hochgiftig und kann sogar tödlich sein.

Weitere gefährliche Gartenpflanzen sind unter anderem Buchsbaum, Rhododendron, Kirschlorbeer. All diese Infos sind natürlich auch googlebar.

Neben vielen Oleanderpflanzen haben wir auch eine größere Bambussammlung – und die kommt jetzt zum Einsatz, denn Bambus ist unbedenklich und sieht auch noch gut aus. In erster Linie aber haben wir vor, unserem Hund das Pflanzenknabbern so schnell wie möglich abzutrainieren.

Praxistipp: Mentale Vorbereitung ist sicherlich von Vorteil. Dennoch sollte man nicht verzweifeln, wenn sämtliches theoretische Wissen am Tag der Ankunft des Welpen zu Staub zerfällt.

Das wird sich auch – glaube ich ganz realistisch – beim Thema Stubenreinheit zeigen. Meine idealisierte Vorstellung vom sofortigen Aufspringen, sobald sich der Welpe entsprechend verhält, und rechtzeitiger Verhinderung des kleinen nassen oder würstlichen Unglücks wird spätestens in den Nachtstunden einer anderen Wirklichkeit weichen – Essigreiniger und ein großer Vorrat an Papiertüchern sind bereits gelagert.

Praxistipp: Essigreiniger riecht zwar krass, ist aber geruchsneutralisierend. Dennoch schützt er nicht vor bleibenden Schäden auf dem Teppich. Deswegen: Teppiche raus. Ist im Winter und ohne Fußbodenheizung vielleicht nicht so geil, hilft aber enorm und ist ja nur eine temporäre Erscheinung.

Stromkabel werden sehr gerne angekaut und zerbissen. Die werden verlegt, versenkt, Steckdosen werden zugebaut. In unserer alten Werkstatt sind es in der Regel Über-Putz-Dosen, die in Hundeschnauzenhöhe auf die Wände geklatscht wurden, da kommen Kästen drumherum, Punkt.

Und bevor der andere Frosch alles alleine zusägen muss, packe ich jetzt mal mit an und freue mich auf den Tag in drei Tagen, den Tag, an dem wir unseren Welpen ein zweites Mal besuchen und ihm einen Namen geben.

Ein Aussie? Oooha.

Ja, Respekt hatte ich, als ich ernsthaft damit begann, mir über einen Hund Gedanken zu machen. Daher guckte ich erst mal nicht genauer zu den Australian Shepherds hin und wollte ein Kooikerhondje haben. Doch dann sagte der andere Flötenfrosch, er wolle einen HUND haben. Und damit begann das Lernen.

Wieso denn jetzt plötzlich ein Hund? Das stand doch noch nie im Raum! Stimmt. Zwei voll berufstätige Menschen, Stadt, Musik, Band, Konzerte, Karneval – da war ein Hund kein Thema. Es wurde eins, weil es in diesem komischen 2020 immer realistischer wurde. Ich arbeite nur noch im Homeoffice. Mein Arbeitgeber sagt: Das wird auch nach Corona so bleiben. Es gibt kaum noch Termine, keine Partys, keine Konzerte, keine Proben, keinen Karneval. Corona hat den Fokus verändert. Ich habe ZEIT, viel mehr Zeit als früher. Ich werde nicht jünger. Dies ist der beste Zeitpunkt, um dieses Projekt anzugehen und durchzuziehen.

Also, ein HUND soll es sein. Na gut. Ich fand diese kleinen Kooiker ja süß, aber tatsächlich sind sie erstens nicht besonders groß und zweitens war es sehr schwer, überhaupt mal mit Züchtern in Kontakt zu kommen, und letztendlich ist es auch nicht leicht, einen Kooiker zu bekommen, denn es werden nicht so viele Welpen geboren.

Wunschhund versus Fragezeichen

Was denn dann? Ich hatte Vorstellungen von meinem „Wunschhund“. Fell soll er haben. Mehrere Farben. Ein schönes Hundegesicht mit langer Schnauze. Schöne Rute. Nicht zu groß. Kein Couch-Potatoe. Er soll mich fordern. Kein Jagdhund. Doof soll er auch nicht sein. Nach dem Studium in Frage kommender Rassen landete ich immer wieder beim Australian Shepherd. Ich bin auch schon einigen begegnet und fand sie immer wunderschön. ABER dieses „Ooooha!“ stand immer wieder im Raum. Muss es ausgerechnet ein Aussie sein? Geht nicht auch erst mal ein gemütlicheres Tier?

Daraufhin habe ich ganz viele Rasseporträts studiert und mich immer wieder selbst hinterfragt. Schaffst du das? Wie konsequent kannst du sein? Bekommst du das alles zeitlich geregelt? Denkst du dir doofe Situationen schön? Lässt du dich von der Vorstellung eines putzigen Welpen und später schönen Hundes blenden und vergisst dabei die Schwierigkeiten? Bist du dir über Abhängigkeit und Einschränkungen im Klaren? Hast du genug Kohle? Willst du Kackhaufen aufsammeln? Schaffst du die ersten schlaflosen Wochen mit einem Welpen? Hast du Zeit? Bleibst du ruhig? Willst du zum Hundetraining gehen? Gehst du mit freudigem Gesicht an einem grausigen Novembermorgen im strömenden Regen brav deine Hunderunde? IMMER?

Klingt ja eigentlich alles ziemlich scheiße. Aber, ehrlich: Ähnliche Fragen haben mich von der Entscheidung, Kinder in die Welt zu setzen, auch nicht abgehalten. Dreimal habe ich dies getan und das recht erfolgreich, die Kinder sind super geworden.

Kontaktaufnahmen

Schließlich habe ich in eine Züchter-Facebook-Gruppe geschrieben – und tatsächlich kamen viele PNs, direkt mit Angeboten usw. Ich habe dann angefangen zu telefonieren.

Die erste Züchterin fragte: Ist das euer erster Hund? Ich so: Ja, wir sind Anfänger. Und sie so: Nee, dann möchte ich euch eigentlich keinen Australian Shepherd geben. Freundlich, aber bestimmt erklärte sie mir, warum nicht. In einem Satz: Die Erziehung eines so sensiblen und klugen Hundes, der körperlich und geistig gefördert werden, gleichzeitig aber auch Ruhezeiten lernen muss, ist eher was für Menschen mit Hundeerfahrung.

Patsch, das war natürlich nicht so toll, direkt beim ersten Gespräch.

Zweites Telefonat: Na klar, komm vorbei, schau dir die Hunde an und dann reden wir miteinander. Nein, du musst keinen kaufen, ich erkläre dir aber gerne alles, was du über den Hund wissen willst.

Drittes Telefonat: Ich habe einen 4 Wochen alten Wurf, kommt gerne vorbei.

Viertes Telefonat: Wir erwarten im November Welpen, kommt vorbei und wir sprechen miteinander.

So kam es, dass ich an einem Wochenende drei Züchterinnen besucht habe – und bei der dritten sind wir geblieben. Lange Gespräche, langsames Öffnen – und ein gutes Gefühl gegenseitig. Tage später ein Anruf: Wir müssen reden. Genau die oben beschriebenen Fragen wurden nochmal gestellt. Die Züchterin fühlte mir ganz genau auf den Zahn. Das fand ich gut. Und schließlich fällte sie ihre Entscheidung: Ich möchte dir gerne einen Hund geben.

Entscheidungen sind gefallen

Die Welpen kamen am 19. November 2020 zur Welt. Wochenlang wurde ich mit Fotos und Infos versorgt, währenddessen habe ich unzählige Folgen von „Martin Rütter, der Hundeprofi“ und „Die Welpen kommen“ geguckt, zusammen mit dem anderen Frosch immer wieder geredet und gecheckt, was man hier umbauen kann und muss, andere Aussie-Besitzer kontaktiert und an Webinaren teilgenommen. Zwei sehr gute Bücher habe ich gelesen: Silke Löfflers „Aussiegraphie“ und „Hoffnung auf Freundschaft“ von Michael Grewe und Inez Meyer.

Jetzt ist das Flötenfrosch-Team vorbereitet und so weit, das neue Team-Mitglied aufzunehmen.

Ein Tweet macht Schule

Mitten in der Charlie Hebdo-Pegida-Nigeria-Trauer- und Entrüstungswelle hat sich der Tweet einer 17-jährigen Schülerin Platz verschafft. Ein Tweet, der im Netz die Runde macht und neue, sehr emotionale Diskussionen auslöst. Ich mach mit.

@nainablabla schreibt einen einzigen Satz.

Und daraufhin fangen wieder alle an zu diskutieren. Vor allem jetzt, wo das Teil rumgereicht wird und alle draufspringen. Und die Medien, ja die Medien. Erst mal draufschlagen. Da ist ein Rechtschreibfehler drinne, du machst es dir aber auch ganz schön einfach, kein Wunder, das Mädchen sieht auch noch gut aus.

Blabla.

Das Schulsystem IST scheiße, fangen wir mal gar nicht erst bei der Grundschule an, wo immer mehr kranke und bekloppte Kinder von immer weniger Lehrern und Pädagogen aufgezogen werden, was die hochgelobte Inklusion schier unmöglich macht. Von Integrationsproblemen spreche ich gar nicht erst. Wo ADHS eines der schlimmsten Buzzwörter geworden ist, mit denen man die sogenannte Bildungsmisere auch gerne entschuldigt und statt an den Wurzeln zu kratzen die Kinder lieber mit Psychopharmaka vollstopft.

Nee, schauen wir doch mal auf das Gymnasium. Da wo die Bildungselite heranwachsen soll. Eine Elite, deren Fundament offenbar aus der Kenntnis von Interpretationsmöglichkeiten von Ingeborg Bachmann-Gedichten und absurden mathematischen Funktionen besteht.

Wo ein halbwegs weltoffener und intelligenter Schüler doch wirklich zu Beginn der Oberstufe spätestens weiß, wohin die Reise geht. Zumindest, was die Neigungen betrifft. Keiner kann mir erzählen, dass in dem Alter nicht bereits die Weichen gestellt sind – ob es in die künstlerische, geisteswissenschaftliche oder naturwissenschaftlich-mathematische Richtung geht. Warum nur dieses stumpfe Festhalten an diesen angeblichen Muss-Themen, komplett vorbei an einem fundierten Allgemeinwissen.

Und warum – JA, NAINA! – warum gibt es nicht wenigstens im letzten Schuljahr eine beschissene Stunde pro Woche, in der alle, egal ob Matheleistungskursler, Sportskanonen oder „Jugend musiziert*-Kandidaten, lernen, wie man eine verdammte Steuererklärung ausfüllt. Wohin man als Volljähriger gehen muss, wenn der Vater keinen Unterhalt zahlt. Wie man einen Brief frankiert. Wie man sich krankenversichert. Wie man einen BAföG-Antrag stellt. Auf was man bei einem Mietvertrag achten muss. Was Rentenversicherung ist. Wie man ein Konto eröffnet. Hauptsache, sie können Differenzialrechnung, kennen die Eiweißbausteine der DNA und haben „Tauben im Gras“ gelesen.

Ich habe diesen Kram nicht gelernt, obwohl ich in den Stunden saß und es manchmal sogar ernsthaft versucht habe, auch mit Nachhilfe. Stattdessen kassierte ich meine Fünfen und Sechsen in den Klausuren und für die „Beteiligung am Unterricht“ und versaute mir damit meine Abinote noch mehr als ohnehin schon. Musik gab es nicht in unserer Oberstufe und Kunst war mehr sowas wie ein Hobby, die Noten spielten im Abi keine Rolle.

Man stelle sich vor, die Lehrpläne würden von Künstlern und Musikern erstellt. Die Kinder müssten bis zum Schluss lernen, wie man den Pinselstrich eines van Gogh oder Manet ausführt, wie man Lieder in Gis im Bassschlüssel notiert, phrygisch-dominant. Oder wie man Fagott spielt.

Jaaa, das aber braucht man doch nicht zum Leben, heißt es. KULTUR BRAUCHT MAN NICHT ZUM LEBEN?????????? Aber den anderen Scheiß, den braucht man, ja?

Ohne die öden Mathestunden würde ich Kurvendiskussionen vielleicht heute noch am Nürburgring führen. Aber hätte es mir geschadet? Ich kann mich an keine Situation nach meiner Schulzeit erinnern, in der ich gesagt habe: Boor, JETZT habe ich totalen Bock einen Funktionsgraphen zu zeichnen, aber ich muss die Jungs vom Kindergarten abholen. Manno, schade, jetzt würde ich supergerne die erste Ableitung einer ganzrationalen Funktion berechnen, aber ich muss mein Auto zur Reparatur bringen.

Zurück zu Naina. Die wird sich nach dem Abi öfter Dinge wünschen, die sie in der Schule hätte lernen können. Und – liebe Hater: In dem Tweet steht mit keinem Wort, dass sie die Gedichte nicht gerne analysiert hat. Ich glaube, sie möchte einfach besser auf ihr Leben NACH der Schule vorbereitet werden, auf ihr Leben mit Behörden, Ämtern und dem Staat – dann wenn die Eltern nicht mehr jeden Zettel ausfüllen, weil so ein volljähriges Kind es schließlich selbst tun muss.

Vielleicht absolviert sie ja nach der Schule ein Soziales Jahr in einem Flüchtlingsheim. Da kann man sicher viel fürs Leben mit Behörden lernen. Und dann könnte sie Asylsuchenden dabei helfen, Formulare auszufüllen. In vier Sprachen.

 

Je suis Charlie

Der Flötenfrosch ist ja schonmal ein bisschen gemein. Aber nur so ein bisschen, meistens recht unpolitisch und sicherlich auch nicht im Visier einiger Wahnsinniger.

Aber es ist nicht nur mein Freizeitvergnügen, wenn ich hier etwas blogge, es gehört auch zu meinem Job, zu schreiben, auch politisch, auch kritisch. Viel wird das, was ich – wo auch immer – schreibe, nicht gelesen. Aber manchmal lesen es doch welche von euch, und manche kommentieren es auch. Vor allem, wenn ich dann doch mal ein ungemütliches Thema habe, etwas das Nichtrauchen oder wenn es um Musik geht. Das sind natürlich harmlose Alltagsthemen, die trotzdem megaemotional sind. Und bei emotionalen Themen wird man dann auch schonmal echt richtig sauer, wenn einer was schreibt, was einem anderen so gar nicht in den Kram passt.

Sicherlich finden mich viele Leute richtig doof, weil ich so eine Meinung habe und sie auch hier aufschreibe. Das können sie ruhig, ich finde ja auch nicht alles gut, was andere Leute so über bestimmte Dinge denken. Ich glaube aber nicht, dass irgendwelche militante Nichtraucher hier ins Frosch-Camp kommen und mich totschießen.

In meiner Redaktion bei meinem Arbeitgeber sitzen wir täglich zusammen und fragen uns, wie wir bestimmte Themen aufgreifen sollen. Satire ist hier nicht unser Werkzeug, es ist eher die kritische Berichterstattung, aber – das muss man mal hier sagen dürfen – nicht soooo superkritisch. Und nie so ätzend wie so manche Satire. Das ist auch nicht unser Auftrag.

Aber. Wir sind immer noch auch eine Art Sprachrohr für Leute, die in ihren Ländern nicht mehr sagen und schreiben können, was sie wollen. Wir berichten über verfolgte Blogger, lassen sie auch zu Wort kommen. Wir zeichnen besonders mutige Blogger jedes Jahr mit Preisen aus, die Welt lernt sie und ihre Botschaften kennen. Einige, die diesen Preis gewonnen haben, sind oder waren im Gefängnis.

Am Tag nach dem furchtbaren Anschlag auf unsere Kollegen in Paris haben wir uns vor unserem Funkhaus mit „Je suis Charlie“-Plakaten für ein Massenfoto aufgestellt und es ins Netz geworfen, hundertfach geteilt, zusammen mit all den anderen Millionen von Solidaritätsbekundungen.

Gleich gehen wir zum Kölner Dom, mit Kerze und Bleistift, und zeigen nicht nur den Opfern und ihren Angehörigen unser Mitgefühl, sondern stellen uns gegen den Wahnsinn auf.

Das können wir Schreiber und Zeichner und Redner und Sänger und Aktivisten und du und ich und wir alle tun. Und weiter schreiben, zeichnen, singen, tanzen, reden gegen eine Macht, die glaubt, immer stärker zu werden – die aber doch nur aus einem tumben Haufen verblendeter Mörder besteht, die meinen, dass sie es schaffen, uns mit ihren Gewehren den Mund verbieten zu können.

Indien Tag 5: Rikscha-Trip durch Old Delhi

Nach dem prallvollen Tag in Agra gehen wir es etwas ruhiger an. Spätes Frühstück und dann erst mal ein ausgedehnter Walk durch den wundervollen Lodi Garden. Und nachmittags wartet das nächste Abenteuer auf uns.

Unsere Gastgeberin – Spitzname Sandmann – wohnt in einem der schönen Delhi-Viertel. Überhaupt, kurzer Exkurs: Sie ist Korrespondentin und wohnt über ihrem Arbeitsplatz, zusammen mit einem Kollegen und dessen Lebensgefährtin, offenes Haus, hübsche Dachterrasse. Um die Ecke ist eine Bank, ein Blumenstand, ein Zigarettenwagen und ein klitzekleiner Supermarkt, in dem man alles bekommt. Wenn nicht heute, dann wird es schnell besorgt. Das Viertel ist bewacht, nach 22 Uhr kann man nur noch durch ein Tor – ähem, die zuständigen Security-Leute liegen dann nachts schonmal da und schlafen… nun gut. Tagsüber kommen auch Bettler und Straßenkinder ins Viertel. Die sind krass – reißen einem förmlich die Einkäufe aus den Händen. Dennoch ist alles ein bisschen ruhiger, entspannter, sauberer.

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Der Lodi Garden ist direkt nebenan. Wir gehen durch dichte Bambuswäldchen, unter Palmen, blühenden Bäumen. Im ganzen Park sind riesige Grabstätten und Moscheen aus der alten afghanischen Lodhi-Dynastie, die im 15. Jahrhundert hier das Sagen hatte.

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Zwischen den Gebäuden große Wiesenflächen. Die Leute hängen entspannt ab, Pärchen sitzen unter den Bäumen, hier und da ein Jogger, Schulklassen beim Mittagsausflug.

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Eine grüne Lunge im smog-verseuchten Delhi – auch hier nimmt man den Dunst wahr, obwohl es hier bei weitem besser riecht als mittendrin im Verkehr. Sandmann sagt, wer sich hier die Nase putzt, sollte keinen Schrecken bekommen. Die Rede ist von „Black Bugs“ – mehr muss ich her nicht sagen. Lieber noch ein hübsches Bild 🙂

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Auf der Rikscha ins Getümmel

Anthony kennt einen Fahrradrikschafahrer. Der hat den Auftrag, uns sicher durch Old-Delhi zu kutschieren und uns den Gewürzmarkt und weitere Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Er nimmt seinen Job ernst, bietet sein ganzes Englisch auf um uns immer wieder zu sagen: Passt auf eure Sachen auf und bleibt in meiner Nähe, wenn wir absteigen.

Ich habe meine SLR zu Hause gelassen und illustriere diesen Tag mit Handyfotos/videos.

Wieder ist es laut und eng. Der Rikschafahrer kurvt durch den Verkehr – hier passen kaum Autos durch, hier sind Moped, Rikscha und die eigenen Füße das geeignete Fortbewegungsmittel.

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Die engen Gassen sind voller Geschäfte. Ganze Straßenzüge nur mit Essen, mit Dekokram, mit Stoffen, mit Gewürzen, mit Saris.

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Krass ist die Verlegung der Elektrik. Die Kabel hängen außen und sind irgendwie zusammengepfriemelt – Kurzschlüsse und Stromausfälle sind hier normal.

Wir steigen beim Gewürzmarkt ab. Man riecht es schon. Hier kommen die tollen Gewürzmischungen her, die so charakteristisch für die indische Küche sind. Currymischungen, Chili, Pfeffer, Kardamom, Zimt, Sternanis….

Wir gehen in ein Haus, in dem es noch intensiver nach Gewürzen riecht. Gehen ein enges Treppenhaus hinauf, Chilistaub legt sich auf unsere Atemwege, wir husten – zusammen mit den Leuten, die hier arbeiten.

Dann sind wir ganz oben auf dem Haus und schauen über die Dächer der Altstadt und auf das Herz des Gewürzmarkts hinunter.

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Außerhalb dieses recht ruhig wirkenden Hinterhofs ist Trubel. Hierzu habe ich auch ein Bewegtbild im Zeitraffer vorbereitet 🙂

Old Delhi Spice Market from team flötenfrosch on Vimeo.

Und schon gehts wieder runter – hust hust – und ein weiterer Hyperlapse-Clip.

Treppenhaus in Old Delhi from team flötenfrosch on Vimeo.

Unten laufen wir noch einmal ganz um den Markt herum. Es kitzelt in der Nase.

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Die Händler sitzen vor ihren Containern, manche Arbeiter halten ein Nickerchen. Auf den Gewürzsäcken. Oder einfach auf einer Matte. Hier hab ich einen erwischt, wenn auch nur die Füße.

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Andere preisen ihre Ware an. Säckeweise. Wir lehnen dankend ab und gehen ganz unten in einem Gewürzladen einkaufen. Kleine Tütchen. (Habe bereits mein erstes Butter Chicken Masala gekocht).

Nächste Station: eine Moschee. Nicht irgendeine, sondern die größte Moschee Indiens und eine der größten der Erde. Die Jama Masjid-Moschee, die, „die auf die Welt blickt“. Und das kurz vor Sonnenuntergang. Wir müssen uns sputen, denn Frauen dürfen nach Sonnenuntergang nicht mehr dort sein. Wir also durch die Sicherheitsschleusen die Treppe hoch. Auf der Treppe sitzen Leute. Auch Leprakranke, die betteln. Einer hat keine Nase mehr.

Oben müssen wir die Schuhe ausziehen, bekommen einen langen Kittel, zahlen Eintritt und betreten den riesigen Vorhof – fast 90 Meter sind es bis zum Herzstück der Moschee.

moschee

Wir verweilen ein bisschen dort, nicht zu lange, denn schließlich ist ja die Sonne so gut wie weg und wir sind auch langsam bereit für den Heimweg.

Unser Rikschafahrer bringt uns zur nächsten U-Bahnstation. Das letzte Abenteuer des Tages beginnt: Zwei Europäerinnen im indischen Underground. Wir haben Prepaid-Tickets und wissen, wo wir hin müssen. Wieder geht es durch eine Sicherheitsschleuse. Wieder Frauenschlangen und Männerschlangen. Der Inder hat eigentlich ein Problem mit Schlange stehen. Er drängelt gerne. Auch die Inderin drängelt gerne. Ich kann nicht so ganz verstehen, warum die Dame hinter mir so dermaßen auf Tuchfühlung mit mir geht, durchs Drängeln geht doch nichts schneller… aber lieber ist mir in dieser Situation eine Dame als ein Herr, daher finde ich die Sache mit der extra Frauenschlange prinzipiell nicht schlecht. Nach der Schleuse finden wir schnell den richtigen Bahnsteig und steigen in das Abteil, das extra für Frauen ist. Hier fühlen auch wir uns sicher und gut aufgehoben. An der Jor Bagh-Station steigen wir aus und finden zügig den Weg nach Hause.

5 Tage Indien

Wir haben mitgenommen, was in dieser kurzen Zeit so eben geht. Andere zu Hause haben uns für bekloppt erklärt mit dem Programm. Noch andere haben gesagt, freut euch nicht zu früh, es ist schrecklich und dreckig und laut, gerade Delhi.

Mein Fazit: Ich habe nur einen kleinen Eindruck von dem bekommen, was dieses Land zu bieten hat. Es war aufregend, neu, manchmal erschreckend, machmal auch fies, öfter aber einfach toll und wunderschön. Wir waren gut aufgehoben beim Sandmann, wurden bekocht, herumgefahren, viele tolle Leute haben sich um uns gekümmert. Nur unseren kleinen Alleingang nach Goa haben wir von hier aus geplant, ohne zu wissen, was da wirklich kommt.

Es hat alles supergut geklappt. Und ich will nochmal hin. Länger.

Das war das Flötenfrosch-Indientagebuch, das ich hiermit zuklappe. Danke allen, die es gelesen haben 🙂

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Indien Tag 4: Affen, Müll und weißer Marmor

Kaum aus Goa zurück, sitzen wir schon wieder im Auto. Diesmal geht die Fahrt nach Agra, wo ein Weltwunder auf uns wartet. Aber vorher fahren wir durch Delhis Vororte. Und da rauscht das Leben an uns vorbei.

Eigentlich hört Delhi gar nicht auf. Wir fahren immer weiter eine Straße entlang, zu Hause würde man es Bundesstraße nennen. Der Verkehr nimmt nicht ab – das Bild verändert sich nur. Zwischen die hupenden Autos mischen sich immer mehr Mopeds, Fahrräder, Trekker, Pferdekarren, Rikschas, Fußgänger… Menschen.

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Sie sind unterwegs zum Einkaufen, zum Job, zum Markt. Immer wieder Engpässe. Lautes Hupen. Unser heutiger Fahrer Mohammad ist nicht so zurückhaltend wie Anthony. Er hupt mit, macht den Macker, gibt Gas und hält drauf.

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Die dreirädrigen Taxis, die Tuktuks, sind supervoll. Sie haben 4 bis 8 Sitzplätze. Aber das ist egal, hier können auch schonmal 20 Mann in so einem Ding sitzen. Oder auch außen dranhängen oder oben drauf sitzen – neben dem Gepäck. Vespas mit ganzen Familien drauf. Vorne der Papa, in der Mitte mehrere Kinder, hinten die Mama. Helme sind hier offenbar tabu – im Gegensatz zu Delhi – hier schert sich niemand um die Helmpflicht. Man kriegt auch keine fünfköpfige Familie auf ein Moped, wenn alle Helm tragen. Oder auch keine drei erwachsene Typen.

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Der Straßenrand ist gesäumt von ein- bis zweistöckigen Gebäuden, Baracken oder Verschlägen, vieles ist zusammengetackert aus Holzlatten und Plastikfolie. Darin Autowerkstätten, Bars, Geschäfte. Losbuden neben Obstständen neben Grills neben Schrotthaufen neben Cafés, im Staub, direkt an der Straße.

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Wo kein Gebäude ist, sind Müllfelder und stinkende Schlammpfützen. Vor einem Vodafone-Shop liegen zwei Kühe, wie drapiert. Eine Frau trägt zwei große Schüsseln auf dem Kopf und stakst durch den Morast. Ein alter Mann hockt im Müll. Am Straßenrand eine Herde Affen. Und überall Kühe.

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Ich kann keine Fotos machen, alles geht zu schnell, lasse meine iPhone-Kamera laufen und habe hier jetzt ein paar Stills, damit es einen kleinen Eindruck gibt. Dieser pralle Input ist erst der Anfang: denn der wahre Höhepunkt des Tages kommt noch.

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Rummms – rein in die Falle

Kurzes Intermezzo in einem Restaurant, wir sind die einzigen Gäste. Werden umhegt wie ein Prinzenpaar, haben den ganzen prächtigen Garten für uns alleine, während wir auf unser Sandwich warten. Das ganze Touriprogramm wird aufgefahren, mit Preisen wie beim Starbucks, für hier eher ungewöhnlich. Als wir draußen unser Frühstück genießen, werden wir von etwas größeren Insekten angesteuert. Der Kellner wird plötzlich sehr hektisch und treibt uns schnell schnell nach innen. Ich möchte nicht wissen, was uns da vielleicht gestochen hätte, so nervös, wie der Typ ist. Drinnen will man uns noch den Souvenirshop zeigen, doch wir wollen weiter. Vor dem Eingang spielt plötzlich wie aus dem Nichts ein folkloristisches Duo hübsche indische Weisen, Vater und Tochter. Esther, die sonst alles ablichtet, hält sich zurück und jumpt schnell ins Auto, ich hinterher – Touristenabzockealarm! Wer so etwas fotografiert, muss auch schonmal zahlen. Die hören auch sofort auf zu spielen als wir im Auto sitzen. Ich lerne: Vorsicht mit dem, was du knipst.

Also halte ich mich auch zurück, als ein prächtiger Elefant gemächlich unseren Weg kreuzt. An einer Mautstation steigt Mohammad aus und checkt irgendwas. Plotsch – sitzt plötzlich ein Affe an meinem Autofenster. Und ich so: ach wie süß, und mache ein doofes Handyfoto von dem Tier. Dann erst sehe ich: An dem Affen hängt ein Seil und am Ende des Seils steht ein Typ. Und der will jetzt Geld haben. So richtig viel, 500 Rupien, das sind fast 7 Euro. Und ich so nee, das Foto ist doof, ich lösche es, der Typ will trotzdem seine Kohle haben. Und guckt sehr böse durch das offene Fenster ins Auto, wo wir etwas verängstigt auf der Rückbank sitzen, ich auch noch mit einem iPad auf dem Schoß (habe mir gerade noch Notizen für mein Blog gemacht), dem iPhone in der Hand, der Fototasche. Dann habe auch noch ’ne teure Sonnenbrille auf dem Kopf und komme mir wirklich scheiße vor, wie so eine richtig blöde Touristentussi, will ihm aber auch kein Geld geben, weil ich kein Kleingeld habe. Der Typ immer wütender. Und dann kommen weitere Typen dazu, die auch sehr unfreundlich gucken. Unser Fahrer ist noch nicht in Sichtweite. Uns wird wirklich mulmig. Schließlich kramt Esther vorsichtig einen kleinen Schein aus ihrer Tasche, den ich dem Typen in die Hand drücke, uff, das wars, alle weg, Mohammad genau jetzt auch wieder da.

Und dann das Weltwunder

Wir erreichen den Taj Mahal nach guten 4 einhalb Stunden. Ich bin nach der Begegnung mit dem Affentypen etwas neben der Spur. Noch weiß ich nicht, was mich am Eingang des Mausoleums erwartet.

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Am Eingang gibt es mehrere Schlangen. Eine für Frauen. Eine für Männer. Und eine für ausländische Touristen. Natürlich stehen wir erst in der Schlange für Frauen, was ja prinzipiell nicht so ganz falsch ist. Wir wundern uns nur etwas über den Eintrittspreis. Also so 40 Cent. Ein indischer Mann macht uns auf die Touristenschlange aufmerksam, wo wir eigentlich hingehören. Äh, danke, hihi, wir haben das Schild nicht richtig gelesen. Wir zahlen schließlich ca. 9 Euro für das Ticket. Kommen dann auch als erste dran, als es durch die Sicherheitskontrolle geht.

Vergesst den Flughafen, das Amtsgericht, das Regierungsgebäude. Hier sind die wirklich harten Sicherheitschecker am Start, Militär, bis an die Zähne bewaffnet. Meine Tasche läuft durch den Durchleuchter. Eine uniformierte Dame fragt mich, was das Feuerzeug soll. Ein ganz billiges, das von dem freundlichen Typen aus Goa. Holt meinen kleinen Dom raus. Dreht ihn misstrauisch hin und her. Fingert dann zwei Kaugummipackungen aus der Tasche, meine Kippen. Und den Boden vom Dom. Die so: Was ist das? Ich so (schon panisch, mit Blick auf den Müllhaufen aus Sachen, die nicht mit rein dürfen): Das ist mein Talisman. Die so: Was machst du damit? Ich so: Gar nichts, das ist von meinem Mann, das habe ich immer dabei. Die so: Das darf nicht mit rein.

Ich habe schon den Impuls ihnen ihre beschissenen 750 Rupien zu schenken und draußen zu warten. Die aber steckt den Dom wieder in meine Tasche, schmeißt die Kaugummis in den Müll, Kippen und Feuerzeug landen in ihrem Besitz. Dann warnt sie mich noch, dass ich den kleinen Dom auf keinen Fall rausholen und etwa ein Foto damit machen darf.

Und ZACK! Dom raus.

Und ZACK! Dom raus.

Was sie nicht wissen kann: Der Dom ist einzig und allein zu diesem Zweck mit nach Agra gekommen.

Also gut, erst mal rein ins Vergnügen, es ist wirklich ein großes und sehr schönes Gebäude aus weißem Marmor mit tollen Verzierungen aus dunkleren Marmorsorten und anderen Gesteinen. Gesäumt von zwei Moscheen, von denen nur eine genutzt wird. Die andere steht nur so da. Der Symmetrie wegen. Davor ein wunderbarer Garten mit Wasserspielen. Meine ziemlich angeschlagene Laune bessert sich schnell und schon hole ich den kleinen Sprengsatz Talisman aus der Tasche für ein heimliches Foto. Ich verdränge erfolgreich den Gedanken an die Spitze eines Maschinengewehrs in meinem Rücken und indische Gefängniszellen. Es ist viel zu viel los hier, viel zu viel zu sehen. Vor allem Menschen, Menschen. Alle posen in allen erdenklichen Variationen, aus allen Winkeln.

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Viele machen Blödsinnfotos, indem sie so tun als würden sie die Kuppel des Taj mit zwei Fingern nach oben ziehen. Oder das Ding auf der Handfläche tragen. Sieht selten blöd aus und entwürdigt das Gebäude auch nicht mehr als mein kleiner roter Dom. Deswegen werde ich im Lauf des Besuchs auch immer mutiger.

Such den Dom!

Such den Dom!

Schön ist auch der Moment, als wir unsere Schuhe ausziehen dürfen. Weil man das Mausoleum ja nicht mit Schuhen betreten darf. Wie schön, barfuß gehen, freuen wir uns, wann macht man das sonst am 4. Dezember?? Viele Leute haben sich auch so Plastikpariser über ihre Schuhe gezogen. Was sicherlich nicht ganz verkehrt ist. Denn der Geruch, der uns schließlich im Innern des Mausoleums entgegenschlägt, toppt den Gestank aus Kletterhallen oder Jungs-Umkleidekabinen lässig.

Und irgendwie ist drin auch nicht viel zu sehen, eben die zwei wundervoll gearbeiteten Marmorsarkophage, man kann einmal drum herumlaufen, aber nicht knipsen, sonst wird man angepfiffen. Die Wächter verstehen keinen Spaß. Ständig pusten sie in ihre Trillerpfeifen, weil keiner sich an das Fotoverbot hält. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, weil einer trotz Verwarnung ein Foto der Sarg-Kammer macht. Ihm wird fast das Handy aus der Hand gerissen. Die Besucher lärmen, lachen laut, lungern auf dem Boden herum, Kinder spielen Fangen. Weil auch dies verboten ist, werden sie immer wieder von Aufpassern vertrieben. Eine wahrlich würdige Ruhestätte, dieses Mausoleum.

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Draußen ist es viel schöner. Und so verbringen wir noch eine gute Stunde auf dem kühlen Marmorboden des Vorplatzes und bestaunen das bunte Treiben.

DSC_0561DSC_0548Und der Dom ist auf seinem ersten Weltwunder zu sehen. Mehr Weitwinkel war leider nicht. Dennoch: Mission erfüllt.

Foto by Silke Wünsch

Home is where the DOM is

Der Typ aus Goa wäre vielleicht sogar stolz, wenn er wüsste, dass auch sein Feuerzeug im Taj Mahal begraben wurde. Quasi.

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Galerie

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