Ein Tweet macht Schule

Mitten in der Charlie Hebdo-Pegida-Nigeria-Trauer- und Entrüstungswelle hat sich der Tweet einer 17-jährigen Schülerin Platz verschafft. Ein Tweet, der im Netz die Runde macht und neue, sehr emotionale Diskussionen auslöst. Ich mach mit.

@nainablabla schreibt einen einzigen Satz.

Und daraufhin fangen wieder alle an zu diskutieren. Vor allem jetzt, wo das Teil rumgereicht wird und alle draufspringen. Und die Medien, ja die Medien. Erst mal draufschlagen. Da ist ein Rechtschreibfehler drinne, du machst es dir aber auch ganz schön einfach, kein Wunder, das Mädchen sieht auch noch gut aus.

Blabla.

Das Schulsystem IST scheiße, fangen wir mal gar nicht erst bei der Grundschule an, wo immer mehr kranke und bekloppte Kinder von immer weniger Lehrern und Pädagogen aufgezogen werden, was die hochgelobte Inklusion schier unmöglich macht. Von Integrationsproblemen spreche ich gar nicht erst. Wo ADHS eines der schlimmsten Buzzwörter geworden ist, mit denen man die sogenannte Bildungsmisere auch gerne entschuldigt und statt an den Wurzeln zu kratzen die Kinder lieber mit Psychopharmaka vollstopft.

Nee, schauen wir doch mal auf das Gymnasium. Da wo die Bildungselite heranwachsen soll. Eine Elite, deren Fundament offenbar aus der Kenntnis von Interpretationsmöglichkeiten von Ingeborg Bachmann-Gedichten und absurden mathematischen Funktionen besteht.

Wo ein halbwegs weltoffener und intelligenter Schüler doch wirklich zu Beginn der Oberstufe spätestens weiß, wohin die Reise geht. Zumindest, was die Neigungen betrifft. Keiner kann mir erzählen, dass in dem Alter nicht bereits die Weichen gestellt sind – ob es in die künstlerische, geisteswissenschaftliche oder naturwissenschaftlich-mathematische Richtung geht. Warum nur dieses stumpfe Festhalten an diesen angeblichen Muss-Themen, komplett vorbei an einem fundierten Allgemeinwissen.

Und warum – JA, NAINA! – warum gibt es nicht wenigstens im letzten Schuljahr eine beschissene Stunde pro Woche, in der alle, egal ob Matheleistungskursler, Sportskanonen oder „Jugend musiziert*-Kandidaten, lernen, wie man eine verdammte Steuererklärung ausfüllt. Wohin man als Volljähriger gehen muss, wenn der Vater keinen Unterhalt zahlt. Wie man einen Brief frankiert. Wie man sich krankenversichert. Wie man einen BAföG-Antrag stellt. Auf was man bei einem Mietvertrag achten muss. Was Rentenversicherung ist. Wie man ein Konto eröffnet. Hauptsache, sie können Differenzialrechnung, kennen die Eiweißbausteine der DNA und haben „Tauben im Gras“ gelesen.

Ich habe diesen Kram nicht gelernt, obwohl ich in den Stunden saß und es manchmal sogar ernsthaft versucht habe, auch mit Nachhilfe. Stattdessen kassierte ich meine Fünfen und Sechsen in den Klausuren und für die „Beteiligung am Unterricht“ und versaute mir damit meine Abinote noch mehr als ohnehin schon. Musik gab es nicht in unserer Oberstufe und Kunst war mehr sowas wie ein Hobby, die Noten spielten im Abi keine Rolle.

Man stelle sich vor, die Lehrpläne würden von Künstlern und Musikern erstellt. Die Kinder müssten bis zum Schluss lernen, wie man den Pinselstrich eines van Gogh oder Manet ausführt, wie man Lieder in Gis im Bassschlüssel notiert, phrygisch-dominant. Oder wie man Fagott spielt.

Jaaa, das aber braucht man doch nicht zum Leben, heißt es. KULTUR BRAUCHT MAN NICHT ZUM LEBEN?????????? Aber den anderen Scheiß, den braucht man, ja?

Ohne die öden Mathestunden würde ich Kurvendiskussionen vielleicht heute noch am Nürburgring führen. Aber hätte es mir geschadet? Ich kann mich an keine Situation nach meiner Schulzeit erinnern, in der ich gesagt habe: Boor, JETZT habe ich totalen Bock einen Funktionsgraphen zu zeichnen, aber ich muss die Jungs vom Kindergarten abholen. Manno, schade, jetzt würde ich supergerne die erste Ableitung einer ganzrationalen Funktion berechnen, aber ich muss mein Auto zur Reparatur bringen.

Zurück zu Naina. Die wird sich nach dem Abi öfter Dinge wünschen, die sie in der Schule hätte lernen können. Und – liebe Hater: In dem Tweet steht mit keinem Wort, dass sie die Gedichte nicht gerne analysiert hat. Ich glaube, sie möchte einfach besser auf ihr Leben NACH der Schule vorbereitet werden, auf ihr Leben mit Behörden, Ämtern und dem Staat – dann wenn die Eltern nicht mehr jeden Zettel ausfüllen, weil so ein volljähriges Kind es schließlich selbst tun muss.

Vielleicht absolviert sie ja nach der Schule ein Soziales Jahr in einem Flüchtlingsheim. Da kann man sicher viel fürs Leben mit Behörden lernen. Und dann könnte sie Asylsuchenden dabei helfen, Formulare auszufüllen. In vier Sprachen.