Ein schräger Fund im Wald

Es ist zwar schon eine Weile her, der Fall drohte im Nirvana zu verschwinden, doch nun hat die Sache eine Wendung bekommen. Nicht zuletzt durch meine Hartnäckigkeit und – ähem – nahezu forensische Kenntnisse des Social Web.

Team Flötenfrosch und Team Scheurebe waren unterwegs in den Wäldern oberhalb der Verdonschlucht. Es regnete, die Erde war vollgesogen wie ein Schwamm, alles tropfte gefühlt aus allen Richtungen. Wir haben fantastische Pilzformationen gesehen, an Bäumen, am Boden – alles unberührt – hier gibt es nicht wirklich viel Publikumsverkehr, schon gar nicht im Oktober.

Irgendwann sind wir einfach mal vom Weg abgegangen, einfach rein ins Gebüsch, wir wollten runter zur Straße, es gab keinen Weg, also „natural style“. Wir erreichten eine Lichtung, knöchelhohes Gras, viele große Pilze, leider alle nicht essbar. Und da lag dann diese braune Tasche. Ein paar Meter daneben: ein zerschnittener Gürtel. Spooky. Der andere Frosch nahm die Tasche hoch, öffnete vorsichtig den Reißverschluss. Etwas Rosafarbenes kam zum Vorschein. Ich direkt so: Das ist ein iPad-Case.

Ich nahm es vorsichtig aus der Tasche, es war glitschig und hatte Stockflecken. Innen drin war tatsächlich ein iPad. Wow. Irgendeine Brieftasche, Ausweis? fragte Scheurebe1. Ja, da war was. Ein glibberiges braunes Ding. Der Frosch klappte es mit spitzen Fingern auf. Eine kleine Nacktschnecke und eine 10 Dollar-Note. Ein paar durchnässte Papiere, Kinderfotos, Vertrag mit einer Mietwagenfirma. Und da: Ein Führerschein. Ein Name. Ich ändere ihn und nenne die Frau jetzt Juliana. Aus Brasilien. Am Boden der Tasche Splitter eines eingeschlagenen Autofensters. Ah.

Ein weiterer Griff in die Tasche. Da war noch ein iPhone. Ein 5er. Wow, fette Beute. Natürlich erwachte bei Scheurebe1 und mir sofort der Jagdinstinkt. Wir warfen das iPad an. Bäm, es hatte noch Akku. Sofort checkten wir die Fotos und sahen, dass das letzte an der Artuby-Brücke gemacht war. Datum 15. September. Wir hatten genau einen Monat später. Irgendwie wurde uns plötzlich ganz komisch. Was macht eine Tasche mit zwei wertvollen Geräten mitten im Wald? Wer hat die hier hin geworfen?? Autoknacker, klar. Aber wieso haben die die wertvollen Geräte nicht mitgenommen? Wer so kriminelle Energie hat, der weiß doch, was man mit sowas macht, zurücksetzen, Sperren umgehen, Ortungsfunktion außer Kraft setzen.

Tatsächlich haben wir in der Umgebung der Fundstelle geschnuppert. Ob hier jemandem was ganz Blödes passiert ist? Ob hier irgendwo jemand liegt… Uff, da war nichts. Aber was bedeutet der zerschnittene Gürtel? Vorsichtshalber packte ich die Koordinaten der Fundstelle in die Favoriten meines Handy-Navis.

Wir beschlossen zur Gendarmerie zu gehen. Die hatten aber zu. Und irgendwie hatten wir die Befürchtung, dass ein französischer Gebirgsdorfpolizist sich sicher über ein neues iPhone freuen würde. Da haben wir gesagt: Nee, nee, wir checken das jetzt mal selber.

Tatsächlich haben wir auf dem iPad Julianas Facebook-Account gefunden. Ich habe sie über mein Facebook angeschrieben, dass wir ihre Tasche im Wald gefunden haben und ihr eine Freundschaftsanfrage gestellt. Nix. Keine Antwort. Wir machten weiter. Checkten ihre Homies auf Facebook. Ja, wir haben den ganzen Account gestalkt. Wir wollten wissen, wer sie kennt, ob irgendwie ersichtlich ist, ob ihr irgendwas sehr Blödes passiert ist in den Wäldern des Verdon. Die Artuby-Brücke ist 180 Meter hoch. Wer dort runterfällt runtergestoßen wird, ist definitiv verloren. Einmal hatte ein Witzbold ein Fadenkreuz unten in der Artuby-Schlucht in den Sand geritzt. Ein großes Fadenkreuz. In der Mitte stand: „Death“. Ich googelte. Vermisstenfall in Südfrankreich. Mord… Nix, alles sauber, auch in den örtlichen Medien nichts.

Scheurebe2 kennt sich mit juristischen Fragen aus. Sie sagte: Wenn die nach 6 Wochen nichts von sich hören lassen, können wir das Zeug behalten. Aber vorher versuchen wir alles, um sie zu finden.

Ok. Drei Wochen hörte und sah ich nichts. Der andere Frosch fing an zu drängeln: Bring das in Ordnung, sonst melden wir das bei Apple. Ich wollte es aber selbst schaffen. Also gut, nochmal die Facebook-Accounts der Familie gecheckt. So postet keine Familie, in der gerade die Mutter umgekommen ist. Und plötzlich – bäm!! hat Juliana etwas geliked. Na also, geht doch, sie lebt, jetzt schreibe ich die anderen Familienmitglieder an. Den Ehemann. Keine Reaktion. Die Tochter. Keine Reaktion. Himmel, die sind doch andauernd online. Ich gucke nochmal in das iPad, checke ihren Pinterest-Zugang, nix. Checke den LinkedIn-Account ihres Mannes. Nix. Checke ihren Instagram-Account. Da! Die Tochter ist ist auch dort und postet fleißig Blumenbilder. Na also. Ich merke ich mir den Instagram-Nick der Tochter und gebe der Sache noch zwei weitere Tage. Gehe wieder aufs iPad. Uups. Da war sie, die böse Meldung: „iPad robbed. This iPad was stolen!!!!“ Uiuiui, Zeit, jetzt in die Vollen zu gehen, bevor die Kripo hier vor der Tür steht. Ich like ein Foto von der Tochter auf Instagram und kommentiere es mit der Nachricht, dass wir die Sachen gefunden haben. Und endlich. Einen Tag später kommt die Nachricht zurück. Und auf Facebook geht es los. Freundschaftsanfrage akzeptiert. Messages von Mutter und Tochter. Überschäumende Freude von beiden – kisses -, ungläubiges Staunen darüber, dass die verloren geglaubten Sachen aufgetaucht sind – fast zwei Monate nach dem Diebstahl.

Wir wollen ein Päckchen machen und die Sachen nach Brasilien schicken. Nun kommt der brasilianische Zoll ins Spiel. Die wollen die Hälfte des Neupreises als Zollgebühren haben, wenn die Sachen wieder nach Brasilien zurück kommen. Juliana versucht, den Behörden klarzumachen, dass es ihr Zeug ist, dass sie in Europa bestohlen worden ist. Keine Chance.

Die Odyssee der beiden Geräte geht also weiter. Wahrscheinlich nach Berlin, wo ein ehemaliges Gastkind lebt. Die hat Kontakt zu jemandem, der vielleicht demnächst nach Brasilien fliegt. Dem kann man das dann mitgeben. Ich hoffe, dass alles gut geht.

Ich hatte schon letzten Herbst vor eine Geschichte über den Verdon im Herbst zu schreiben. Einen kleinen Krimi. Er hat schon seit einem Jahr einen Titel. Jetzt aber ist die Geschichte dazu gekommen. Und in dieser Geschichte spielen die Artuby-Brücke und der zerschnittene Gürtel natürlich eine Rolle. Und die Wälder, Pastis trinkende Dorfpolizisten, Hunde, eine Kräuterfrau, ein Dark Metal hörender Bäcker, die brasilianische Mafia und vier ahnungslose deutsche Urlauber.

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