Elektronische Fessel

Ich habe mich selbst versklavt. Freiwillig habe ich mir einen elektronischen Überwachungsdienst ans Handgelenk gebunden. Schwarz, dezent hängt er nun da und überprüft jeden meiner Schritte. 

Noch gefällt er mir ja. Er will Dinge von mir, die ich gerne erfülle, ohne devot zu sein. Er will einfach, dass ich mich bewege. Schließlich laufe ich nicht mehr in den Bergen rum und springe in irgendwelche Bäche. Sondern sitze wieder seeehr viele Stunden am Tag auf meinem Bürosessel. Und jetzt, wo der Winter schon da ist, schreit abends auch das große gemütliche Sofa nach mir – komm, du hast Feierabend, setz dich, mach ne Flasche Wein auf und guck nen schönen Film! Oder ne Serie! Mummel dich ein und lies ein Buch, ruft das Sofa. Nun, jetzt schreit jemand anders noch lauter. Der Schrittzähler an meinem Handgelenk ist weitaus kleiner als mein Sofa, aber er hat mehr Macht.

Seit sechs Tagen nun begleitet dieser sogenannte Fitness-Tracker (BULLSHIT BINGO!!!) mich und äh motiviert mich, mein Tagesziel zu erreichen. Geh 7.500 Schritte, sagte er anfangs. Jetzt sagt er mittlerweile: Geh 9.000 Schritte. Denn ich bin sehr eifrig und überSCHREITE meine Marke jeden Tag. Ich übersehe bei meinen Leistungen wohlwollend, dass er mir ernsthaft verklickern will, dass ich unter der Dusche gerade 143 Schritte gegangen bin. Dafür zählt er an anderer Stelle nicht. Das gleicht sich aus und so bin ich auch recht stolz darauf, dass ich es selbst am Montag geschafft habe, die Forderungen des Armbands um 500 Schritte zu übertrumpfen, trotz eines 10-Stunden-Tages im Büro, an dem ich gerade so zwei mal eine rauchen und aufs Klo gegangen bin. Pah. Habe das Sofa schreien lassen und habe mit dem anderen Frosch noch eine Runde draußen gedreht, trotz Regen und Dunkelheit.

Das habe ich zum letzten Mal gemacht, als ich noch intensiv trainiert habe für Langstreckenläufe, nun, das ist schon ein paar viele Jahre her. Wenn ich schon nicht mehr so viel Sport mache – außer Fahrradfahren, aber das ist ja auch eher gemütlich, was ich da mache, auch wenn die Strecken lang sind – wenn ich also schon nicht mehr so viel Sport mache, dann ist dieses Ding eine Motivation, mich wenigstens ETWAS zu bewegen, damit ich irgendwie in Schuss bleibe.

Ich hoffe, dass ich es lange durchhalte. Der Ehrgeiz hat mich allerdings: UNTER dem angesagten Tagesziel will ich eigentlich nicht bleiben. Also mal gucken, wie ich das morgen mache. Da bin ich den ganzen Tag zum Sitzen verurteilt. Im Job, im Auto, und dann steh ich abends auch nur rum. Also dazwischen Nischen finden. Das wird noch ne richtige Challenge. Der stelle ich mich gerne. Wahrscheinlich will das Ding morgen von mir 10.000 Schritte sehen. Weil ich heute 4.000 überm Soll war. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis mich das Teil nervt. Aber noch ist es ein kleines dezentes Gadget.

 

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