Es lebe die digitale Postkarte … bis sie im Wurmloch verschwindet

Das Froschteam war unterwegs. Wie immer in den Canyons Südeuropas. Woran ich mich in den Jahren gewöhnt habe, ist der Day Off für den zweiten Frosch. Es ist der Tag, an dem er Postkarten schreibt. Meistens handelt es sich um den letzten Tag.

Drei Wochen lang durch die Schluchten geturnt. An Felsen gehangen, im Camp gechillt. Gewandert, gekocht, gegrillt und Fußball geguckt. Einer der Freunde hatte den großen Geist besessen, eine Satellitenschüssel und einen kleinen Fernseher mitzubringen.

Entweder sind wir hier outdoor oder nicht!

Entweder sind wir hier outdoor oder nicht!

Yes, wir haben dann also quasi mitten in der Wildnis (also schon in der Nähe eines Stromanschlusses) am sonnig-heißen Vormittag drei Stunden lang die Schüssel ausgerichtet und abends vor dem winzigen Bildschirm gehockt und die WM-Spiele verfolgt. So konnten auch wir an unserer Weltmeisterschaft teilhaben, wenngleich der Autocorso flach fiel. Es gibt ein Foto davon auf Facebook, wie wir vor dem Fernseher sitzen. Für die Lieben daheim. Sowas habe ich auf einer Postkarte noch nicht so gesehen.

Wir waren in der Schlucht wandern. Saßen am Ufer und aßen Olivenpaste und Brot. Flitschten Steine ins Wasser und warfen sie gegen die gegenüberliegende Schluchtwand – wessen Stein drüben in einer Ritze stecken blieb, der hat gewonnen. Am steinigen Ufer eine einzige gelbe Blume. Kann eine Postkarte diese schöne entspannte Stimmung wiedergeben? Auf Instagram gibt’s ein Foto davon.

#gorgesduverdon #verdon #flower #canyon #sentiermartel

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Das Foto habe ich gemacht, es zeigt den Ort, an dem ich war, so wie ich ihn gesehen habe. Ohne dass mir der Fotograf einer Postkarte das Motiv vorsetzt.

Wenn ich mit meinen Freunden am Col de Plein Voir sitze und auf den Verdon hinunter gucke, poste ich ein Foto davon auf Instagram oder Facebook (sobald ich Netz habe) – uns schon wissen alle: da isse also jetzt, es scheint ihr gut zu gehen, schön, dann gibt’s ein paar Likes und meine Schwester in Wyoming/USA kommentiert: „WOW!“ So ein selbstgemachter Urlaubsgruß wirkt 1000 mal mehr als so eine schnöde Postkarte, wo vielleicht noch ein komischer Spruch oder – schlimmer noch – ein barbusiges Weibchen mit drauf ist.

Ich freu mich mehr über einen Facebook-Gruß mit Sonne, Strand und Meer und dem Menschen darauf, der da sonnenbebrillt breit in die Kamera grinst (hähä, guckt mal, ich im Urlaub und ihr nicht!), als über ein kitschig.geschmackloses Stück Pappe, auch wenn da hinten was Handgeschriebens drauf steht, was man allerdings leider oft gar nicht entziffern kann.

Der andere Frosch interveniert heftig. Er freue sich über jede Postkarte, egal wie scheiße das Motiv vorne drauf auch sei. Denn die Postkarte hält ewig, während ein Facebook-Eintrag nach wenigen Stunden vergessen ist. Ich so: „Hebst du alle Postkarten dein Leben lang auf??“ Macht er natürlich auch nicht. Aber eine Postkarte zeige immerhin, dass man an einen denkt. Hm, tu ich auch, wenn ich MMS und PNs und What’s Apps an bestimmte Leute verschicke. Die Gießkannen-Nummer bei Facebook kommt noch obendrauf.

Er gibt mir Recht, die Motivsache und das Persönliche am digitalen Urlaubsgruß – das hat schon seinen Reiz. Aber eben einen flüchtigen. Tja, damit sind auch Momente wie dieser im digitalen Wurmloch verschwunden: Der andere Frosch beim Versuch, das Abendessen zu angeln.

Da die Diskussion um Sinn und Unsinn der analogen Postkarte am vorletzten Abend in den südfranzösischen Bergen stattfand, dachte ich mir, ich schließe mich dann eben vielleicht doch dem analogen Postkartenschreiben an. Wir also am nächsten Tag gemeinsam in den einzigen Postkartenladen des Dörfchens. Ich tatsächlich mit der festen Absicht, so zwei, drei Karten zu schreiben, an Menschen, deren Adressen ich im Handy gespeichert habe.

Doch die Auswahl war so grottig, dass ich davon schnell wieder Abstand genommen habe. Denn nichts von dem, was dort auf den Karten zu sehen war, hatte irgendetwas mit dem zu tun, was ich in den letzten drei Wochen gemacht hatte. Also gut, da mach ich doch lieber wieder einen Flötenfrosch-Film.

Für mich war’s das also mit dem Kartenschreiben. Wobei: der andere Frosch hat einen sehr sehr geilen Kompromissvorschlag gemacht, der die Einzigartigkeit „meines“ digitalen Augenblicks und die Nachhaltigkeit eines analogen Grußes vereint. Ich schicke einfach selbstgeknipste Fotos als Postkarte. An die, die nicht online sind – und an die, die vielleicht Bock haben, sich so ein Foto auch mal öfter in Echt anzusehen.

Zu Hause angekommen, lagen zwei Postkarten in unserem Briefkasten.

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3 Gedanken zu „Es lebe die digitale Postkarte … bis sie im Wurmloch verschwindet

  1. Es gibt ja auch die Möglichkeit, eigene Fotopostkarten zu erstellen, quasi das Beste von beidem: du suchst aus deinen Fotos raus, was auf die Karte soll, tippst Text und Adresse dazu, kannst sogar für die Briefmarke ein Fotomotiv aussuchen und dann wird das Ganze gedruckt und verschickt – sehr individuell und nach eigenem Geschmack, der Empfänger kann sich die Karte an den Kühlschrank hängen und es ist doch mehr als ein Facebook-Gruß 🙂

  2. Ja, das ist auf jeden Fall ein guter Plan! Wenn man die Karten vor dem Urlaub erstellt, macht das dann Sinn, wenn man einen Ort bereist, von dem man schon eigene Fotos hat… oder aber wenn vor Ort ein Shop ist, bei dem man sich so was ausdrucken kann. Das ist in der Wildnis immer eine Herausforderung 😉

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