Wyoming: Landschaft, Himmel und Pferde

Als mich eine Nachbarin meiner Schwester fragte, wie ich das denn finden würde hier in Wyoming, sagte ich: Ich komm mir vor wie im Film. Ja, das alles wirkt jetzt nicht ganz fremd. Aber es zu fühlen, ist schon sehr anders.

Auf den ersten Blick ist der Walmart nichts anderes als ein großer Real bei uns oder, besser noch, ein Carrefour in Frankreich. Auf den zweiten Blick dann schon. Es ist alles noch ein bisschen größer, nein viel größer. Da gibt’s eben nicht sechs Sorten Chips sondern gefühlte 50. Und vor allem gibt’s da tatsächlich diese Leute, also Freakshow. Es ist normal, wenn hier fette Typen in Shorts mit nackten Beinen rumlaufen, bei -15 Grad. Ok. Die sieht man in den Filmen nicht.

Auch die Mengen, in denen hier Zeug verkauft wird, finde ich sehr beeindruckend. Wodka in 2,5 Liter Plastikflaschen. Mayonnaise in 3,8 Kilo-Gebinden. Respekt.

In der Kneipe haben die auch kein Problem damit, Bier in Plastikbechern auszuschenken, ich hatte bereits mein erstes Plastik-Guinness. Wenn ich ein Bud bestelle, wollen sie mir Bud Light andrehen, was ich vehement verweigere. Meine Schwester trinkt Diät-Cola. Ohne Eis, was völlig untypisch hier ist; der Amerikaner liebt es wenn der Becher voller Eiswürfel ist. Mann, ich will eine Cola und keine Cola-Schorle!!

Die häufigsten Autos sind Pickups. Also, keine Teile für Mädchen, sondern richtig fette Trucks. SUVs machen hier auch mehr Sinn als in Köln, auch das ist ein beliebtes Auto hier. Ein paar Vans. Und der Rest ist hässlich. So hässlich wie Mr. White’s Karre in Breaking Bad.

Hangloose, Keith

Hangloose, Keith

In Hulett, der nächsten Stadt von meiner Schwester aus, gibt es zwei Bars. Die eine heißt Ponderosa-Bar, die andere Rodeo-Bar. Na klar, wie sollen sie auch sonst hier heißen. Auch hier wieder: Film. Hinter der Theke ein betagter Rocker, die grauen Haare zum Zopf gebunden, Tuch um den Kopf. In der Mitte ein Billard-Tisch, an dem die Dorfschönheit mit schulterfreiem T-Shirt gegen ein paar Kerle spielt. Es wird geraucht. An der Theke neben uns ein Typ mit Bärtchen (der so an den Mundwinkeln runtergeht) und Cowboyhut. Musik aus der Jukebox. Tatsächlich lief auch Disturbed. Ein Stück Heimat.

An einem Abend waren wir in der anderen Bar. Als wir gehen wollten, schleppten ein Haufen extrem besoffener Typen einen anderen, noch extremer besoffenen Typen rein. Der war eigentlich schon bewusstlos. Nach dem Motto: „Einer geht noch“ haben die den irgendwie an einem der Barhocker befestigt. Meine Schwester sagt: „Hier gehen die Leute nicht aus um mit Freunden nett mal ein Bierchen trinken zu gehen. Hier gehen die raus um sich abzuschießen.“

Ja, ein Schießeisen hat hier auch jeder. Nicht nur eins. Es gehört einfach dazu, Gewehre und Revolver im Haushalt zu haben, das ist so normal wie bei uns ein Staubsauger. Auch das ist ja nichts Neues, das wissen sogar wir Europäer, aber es ist dennoch komisch, wenn man bedenkt, dass manche dieser besoffenen Typen durchaus ihre Waffe immer dabei haben. Wir sind im wilden Westen.

Und damit zum schönen Teil.

Hier gibt es sehr viel Landschaft, ganz tolle Landschaft. Sanfte Linien, hier ist kein Horizont gerade. Es gibt Hügel, Hochebenen, Täler, auch richtige Berge, und natürlich diesen einen komischen Felsen, der aussieht, als hätte ein sehr großes außerirdisches Raumschiff hier was fallen gelassen.

Devils Tower mit Dom 2 Go

Devils Tower mit Dom 2 Go

Wald, kleine Canyons, Flüsschen, auch Seen. Dieses Land teilen sich die Leute, die hier wohnen, untereinander auf. Es ist schwer zu glauben, dass manche Rancher so viel Land besitzen, dass man locker ganz Köln da drauf stellen könnte. Ist aber so. Sogar meine Schwester hat hier ein kleines Grundstück. Klein heißt hier aber doch, dass man ein paar Fußballfelder draufsetzen kann.

Auf den Grundstücken laufen Pferde und Rinder rum. Und freilaufendes Getier, Hasen und Rehe. Menschen können hier nicht so frei herumlaufen, wie man das bei der Größe dieses Landes vermuten sollte. Denn alles gehört irgendeinem, der es möglicherweise nicht ganz toll findet, wenn man auf seinem Grundstück herumstapft. Man wird aber auch nicht gleich erschossen.

Meine Schwester hat mich auf ein Pferd gesetzt, ich dachte, ich kanns noch, aber irgendwie dann doch nicht so richtig, aber ich bin oben geblieben und das Pferd war auch sehr geduldig mit mir. Wir sind dann über eine Ranch geritten, wir wollten ein paar Kühe klarmachen, die sich von ihrer Herde abgesondert haben. Statt der fünf renitenten Viecher fanden wir dann ein totes, das stank auch trotz Schnee und Eis. Meine Schwester ist da ziemlich schmerzfrei, ist hin zu dem aufgeblähten Teil und suchte nach der Kennzeichnung. Ja, da schluckte das Stadtkind ein wenig. Obwohl wir ja auch schonmal toten Tieren beim Canyoning begegnen.

Kühe erfolgreich eingecheckt. Puh.

Kühe erfolgreich eingecheckt. Puh.

Schließlich aber fanden wir die Kühe, die ganz von alleine dahin gegangen sind, wo sie hingehörten. Trotzdem mussten sie noch ein Gatter weiter getrieben werden. Ich war irgendwie beteiligt, indem ich rumstehen musste und dann lostraben, was mir leidlich gelungen ist. Zur Belohnung habe ich das Zertifikat meiner Schwester bekommen: „Silkes erster Cattle-Drive.“ Und das Ganze im Sonnenuntergang, klar.

Meine Schwester hat einen Hauscanyon und eigene Bäume. Ok, der Canyon ist jetzt nicht mit dem Verdon vergleichbar. Er ist wirklich sehr klein und gemütlich und führt auch nur im Frühjahr Wasser. Aber er ist so gemütlich, dass man dort ein Feuerchen machen kann. Mit Nachbarn und selbstgemachtem Glühwein und Eintopf und Chips und Dips und Bier, das im Schnee kühl bleibt. Angefeuert wird hier ganz gnadenlos mit Benzin. Klappt hervorragend, wenn das Holz trocken ist. Davon gibt es hier genügend.

Morning Glory

Morning Glory

Was es hier noch in großen Mengen gibt, ist Himmel. Ein faszinierender Himmel, der fast jeden Tag, den ich jetzt hier bin, ein anderes Gesicht zeigt. Klar und gestochen scharf, wenn es wolkenlos ist. Überwältigend, farbenfroh, dramatisch, wenn es Wolken gibt. Ich stehe jeden Morgen bei Sonnenaufgang auf und renne mit Kamera, Objektiven und Stativ rum. Gar nicht mal so weit, denn das Ganze spielt sich vor meinem Fenster ab. Die geilsten Momente sind sehr kurz. Wie etwa der, als heute morgen die Sonne tatsächlich echte rosa Strahlen über den Horizont schickte. Oder als gestern früh der Himmel brannte.

Diese ganze Natur zu sehen, erdet mich immer wieder, ob am Verdon, in den Tessiner Felsen, am holländischen Nordseestrand, oder hier. Das Draußen ist toll. Auch wenn es sehr kalt ist. Ich muss jetzt auch mal da raus, bei den Pferden mit anpacken. Wir müssen Scheiße zusammenkratzen (macht Spaß bei Minusgraden) und die Tiere füttern. Was es hier nämlich auch in Unmengen gibt, das ist Arbeit. Drecksarbeit, anstrengende Arbeit, schöne Arbeit.

Meine Schwester weint vor Glück, wenn sie nach einem Besuch in Deutschland wieder her kommt. Das ist ihre Welt, an der ich jetzt auch mal ein kleines bisschen teilhaben konnte. Ich kann sehr gut verstehen, warum sie nicht mehr zurück will und ihr Leben mit ihren Pferden, Hunden und Katzen teilt. Hier ist sie trotz der vielen Arbeit frei, viel freier, als man es bei uns sein kann.

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2 Gedanken zu „Wyoming: Landschaft, Himmel und Pferde

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