Glühwein für Randgruppen

Es geht wieder los! Die Weihnachtsmärkte machen auf! Ich freu mich auch schon sehr drauf und weiß aber auch, dass ich mich wieder sehr aufregen werde. Und deswegen gibt es hier den Flötenfrosch-Remix eines alten Textes, der sich mit den Vor- und Nachteilen des Massenandrangs auf Kölner Weihnachtsmärkten äh auseinandersetzt. 

Das Gedränge hat durchaus Sinn. In der Adventszeit sucht man ja auch die kuschelige Nähe der anderen, man wärmt sich am Glühweinstand, man rottet sich dort zusammen gegen die nasskalte Winternacht wie die Pinguine in der polaren Eiswelt. Man schiebt sich durch die Menschenmenge, während einem der heiße Glühwein über die Hände läuft, weil gerade ein anderer von links kommt und versehentlich den Ellenbogen touchiert. Wenn man es schafft, einen Kölner Weihnachtsmarkt zu verlassen, ohne dass man Zwiebelringe in der Kapuze oder Käsereste am Schal hat, oder klebrige Glühweinreste auf den Schuhen, dann hat man alles richtig gemacht. 

Manchmal jedoch gibt es Momente, an denen einfach nichts mehr geht. Nämlich dann, wenn sich ein Kinderwagen in der Menschenmenge verkeilt hat. Er kommt nicht vorwärts, nicht seitwärts, nicht rückwärts. Die Mutter – oder auch der Vater – hat einen entschlossenen Zug um den Mund herum, während sie/er mit festen Fäusten die Griffe umklammert, mit denen sie/er versucht, das Ding durch die Menge zu befördern. Doch die Lage ist hoffnungslos, der sperrige Gegenstand ist wie ein Bollwerk.

Um es gleich vorwegzunehmen. Ich bin nicht kinderfeindlich. Ich hab doch selber welche. Ja, sie dürfen natürlich überall hin, niemand soll sich ausgeschlossen fühlen, nur weil er jetzt von seinen Nachwuchs aus dem Leben gekegelt wurde, nein nein, sie sollen alle mit dabei sein, die Mütter und Väter und die Kinder, ja die Kinder auch.

Ja aber bitte Herrschaften, bitte doch nicht auf einem hoffnungslos überfüllten Weihnachtsmarkt mit KINDERWAGEN herumlaufen und sich dann noch BESCHWEREN, dass man nicht durchgelassen wird – das grenzt definitiv an Ignoranz.

Nicht alle sind so wahrnehmungsresistent. Die meisten Kölner Eltern haben ja einen eigenen Weihnachtsmarkt für sich gefunden. Da sind sie fast unter sich. Denken sie. Wer sich als Kinderloser dort hin verirrt, der ist es selbst schuld. Denken sie. Offenbar.

Wer diesen Weihnachtsmarkt am Stadtgarten, der als der schönste Kölns gilt, besucht, der muss damit rechnen, dass seine Schuhe nicht von verschüttetem Glühwein versaut sind. Sondern durch Reifenspuren. Der muss wissen, dass er blaue Flecken kassiert, da ihm alle fünf Meter eine engagierte Mutter/ein engagierter Vater den Kinderwagen ins Kreuz rammt. Oder sich die Achse eines Kinderwagens in seine Achillesferse gräbt.

Der muss akzeptieren, dass er, sobald er sich und seinen Glühwein an einem Stehtisch in Sicherheit gebracht hat, von grimmig dreinschauenden Mittdreißigern gemaßregelt wird: “Können Sie ihre Zigarette ausmachen, hier sind Kinder!“ Der muss auch großen Gleichmut beweisen, wenn zwischen seinen Füßen Dreijährige Verstecken spielen und man ständig der Gefahr ausgesetzt ist, sich die Beine zu brechen. Beim Ausweichen, damit man nicht aus Versehen kleine Kinderhände zertritt.

Aber ich will ja nicht so sein. Hier haben alle das Recht, sich aufzuhalten und die hübsche Atmosphäre zu genießen. Auch hier können die Leute miteinander kuscheln, denn auch hier ist es sehr voll. Wenn die vielen Kinderwagen nicht wären, wäre es ein Drittel so voll. Die sind sich ja nicht bewusst, dass einer dieser Kinderwagen so viel Platz braucht wie zwei erwachsene Menschen! Mann, es gibt doch so schöne Tragetücher!!

Soll man Zeiten einrichten? Kompromisse suchen? Kinderwagen im Sinne des friedlichen Miteinanders nur bis 19 Uhr erlaubt, dafür ist der gesamte Weihnachtsmarkt bis 19 Uhr rauchfrei?

Oder gleich einen Weihnachtsmarkt NUR für Kinderwagen einrichten? So abwegig ist der Gedanke gar nicht. Immerhin gibt es auch schon einen Hafenweihnachtsmarkt fürs feinere Publikum in Köln. Und einen Schwulen- und Lesben-Weihnachtsmarkt. Da habe ich noch keinen einzigen Kinderwagen gesehen.

So könnte man hier noch einen Nichtraucherweihnachtsmarkt einführen, damit läge man voll im Trend. Und einen, auf dem nur Jazzmusik läuft. Einen für Rentner. Einen für japanische Touristen. Einen für lesbische schwarze Behinderte. Einen für FC-Fans. Einen für Veganer. Einen für arbeitslose Studienräte. Oder auch einen für Briefmarkensammler. Sie sehen, Möglichkeiten gibt es so viele wie Randgruppen. Wenn die dann alle noch Glühwein zu trinken kriegen, dann ist doch alles in Ordnung.

Prost und frohe Weihnachten.

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