Wie Smartphones ganze Partys sprengen können

Schön, wenn man sich mit Freunden zum Abendessen trifft und vom letzten Urlaub erzählt. Früher hat’s keiner gemerkt, wenn man seine Erzählungen ein bisschen äh frisiert hat. Doch heutzutage ist Vorsicht geboten…

In den Dolomiten war es richtig schön, erzählen Jens und Karen beim Abendessen. Tolle Touren, tolle Hütten. Und alles bei bestem Wetter. Klar, die höchsten Routen gingen ja bis 3.800 Meter, da habe man man schon gespürt, wie die Luft dünner wird. Bei diesen Worten stutzt Frank. Die Dolomiten seien doch gar nicht so hoch. Drei Leute am Tisch zücken augenblicklich ihre Mobiltelefone und googeln. Schnell kommt die Runde dem flunkernden Jens auf die Schliche – der höchste Gipfel der Dolomiten ist gerade mal 3.300 Meter hoch. Egal, klingt trotzdem klasse, und nächstes Jahr kommen alle mit. Man stößt fröhlich auf den nächsten Urlaub an. Bis Klaus Einhalt gebietet. Schließlich ist er Lehrer und kann nur in den Ferien. Schon daddeln vier Hände auf den Displays ihrer Mobiltelefone herum und suchen nach Terminen. Selbstverständlich hat Klaus eine Ferienkalender-App.

Aber vielleicht kann man ja nächstes Wochenende schon gemeinsam nach Holland fahren. Schon rufen zwei ihre Wetter-App auf, Jens ist etwas fortschrittlicher und fragt Siri, ob man am Wochenende in Renesse einen Regenschirm braucht. Susanne findet das lustig und will von Jens wissen, was man Siri noch alles fragen kann. Schon beginnt eine fröhliche Siri-Fragerunde. „Willst du mich heiraten?“ spricht Jens in das Mikrofon. „Wir kennen uns doch noch gar nicht so lange“, antwortet die Software. Schallendes Lachen am gesamten Tisch. Was haben die Leute, die das programmiert haben, wohl geraucht? Schon kommt der nächste Brüller: „Wo gibt’s hier was zu kiffen?“ Siri: „Ich habe deine Frage nicht verstanden.“ Am Tisch besitzen vier Leute ein Gerät, auf dem Siri läuft. Das sorgt für große Heiterkeit.

Als sich die Situation beruhigt, stellt Karen ihr Smartphone vor eine Kerze und drückt auf das Kamera-Symbol. Schon erscheint die Kerze auf dem Display. Karen lässt die Kamera laufen. Jetzt sind da zwei Kerzen, eine echte und eine digitale. Hübsch.

Petra bekommt eine What’s app-Nachricht von ihrer Tochter; sie möchte von ihrer Party abgeholt werden. Petra kann aber nicht mehr fahren und bestellt ihr mit der mytaxi-App ein Taxi.

Als Klaus feststellt, dass das Bier alle ist, schaut er bei aroundme nach, wo der nächste offene Kiosk ist. Heute abend ist Champions League, unter den Freunden sind mindestens drei Bayern-Fans, die eigentlich lieber Fußball gucken wollen, von ihren Frauen aber hierher geschleppt wurden. Gut dass es iLiga gibt, so können die Jungs immer wieder verstohlen auf ihr Handy gucken. Vier Tore fallen, jedes wird dezent kommentiert.

Plötzlich springt Ulrike auf und rennt zu einem der Lautsprecher, aus dem den ganzen Abend schon leise Hintergrundmusik tröpfelt. Alle sollen sofort ganz ruhig sein, befiehlt sie, hält ihr Handy an den Lautsprecher und drückt auf den Shazaam-Button. Ulrike wollte diesen Song schon immer haben. Die Software erkennt das Lied und leitet Ulrike direkt weiter zu iTunes, wo sie das Lied kaufen und runterladen kann.

Vor zwanzig, ach was, vor zehn Jahren noch waren solche Abende nur in der Fantasie vorstellbar. Da hätte man Tränen gelacht bei der Vorstellung, dass man sich eines Tages mit seinem Telefon über das Wetter unterhalten kann. Dass Handys Musik erkennen können. Dass man mit diesen kleinen Apparaten von überall aus ins Internet gehen kann. Ohne Kabel oder irgendein Kästchen, das irgendwo rumsteht und blinkt. Das war damals genau so ein Quatsch wie 3D-Drucker, die funktionstüchtige Waffen drucken können. Oder Wandteppiche aus Licht, auf denen man Fernsehen gucken kann. Nun, das gibt’s alles schon. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass das Beamen bereits mit ein paar Molekülen funktioniert hat. Wirklich, mit Molekülen? Oder waren es doch nur einzelne Atome? Beamen? Das kann man googeln. Ich greife zu meinem Smartphone.

Dieser Text ist ein Remix eines meiner eigenen Texte, er ist auch in ähnlicher Form auf einer anderen Webseite zu finden. Nur so, falls euch das Ding bekannt vorkommt. Ich bin mir aber recht sicher, dass das nicht passiert 🙂

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2 Gedanken zu „Wie Smartphones ganze Partys sprengen können

  1. Find ich einen klasse Text. Vor zig Jahren konnte sich wirklich keiner sowas vorstellen. Aber leider gibt es auch die Schattenseiten. Du hast da einen recht geselligen Abend beschrieben, ich beobachte aber auch oft Runden oder Päärchen, ob unterwegs oder in Lokalen, die nur stumm mit den Handys nebeneinander sitzen und den anderen völlig ignorieren.
    Ich selbst wollte nie ein Smartphone, ich habe mein dummes LG Klapphandy geliebt! 4 Mal in Folge das selbe Modell gekauft wenns hinüber war. Niemals konnte ich mir vorstellen eines mit Toughscreen zu besitzen, viel zu unpraktisch und verwirrend für mich… Spielkonsolen zum Telefonieren, mehr nicht… und letzten Freitag bekam ich so ein Teil geschenkt. Weil ich mich langsam ab und zu in den Öffis mit meinem Klappteil geschämt habe, hab ichs mal angetestet. Bilanz nach 2 Tagen: 3 Akkuladungen, 10 Apps und ich muss andauernd daran herumfummeln. Ich bin (zu meinem eigenen Entsetzen) smartifyziert;)

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