Manifest eines Wutpendlers

Bahn!

Ich wohne am Südbahnhof in Köln und kann von der Haustür aus mit dir nach Bonn fahren, da muss ich jeden Tag hin zur Arbeit, ich bin also ein sogenannter Berufspendler. Und gehöre hiermit zu der Gruppe, vor der du dich am meisten ekelst. 

Deinen Ekel vor uns zeigst du recht deutlich, indem du uns behandelst wie ein fieses Insekt bzw. uns direkt mit einer Art Ungeziefer gleichsetzt. Du lässt uns an Bahnhöfen, deren Anblick und Geruch die schlimmsten Krankheiten hervorrufen können, auf deine Regionalzüge warten, die in völlig unsinnigen Intervallen kommen. Einer um voll, einer um 38 und einer um 45. Echt gut durchdacht.

Und egal wann die Züge kommen sollen, sie haben den Hang dazu, nicht immer ganz pünktlich, dafür aber zum Bersten voll zu sein. Auch hier möchte ich über die hygienischen Zustände nicht zu viele Worte verlieren. Nur eins: Versifft.

Bahn, deine Pendler- oder Regionalzüge sind ein Affront gegen ganze Bevölkerungsgruppen, der an Frechheit eben jenen Gruppen gegenüber nicht zu überbieten ist. Ich spreche hier nicht von Komfort. Sondern von einer Art Mindestanforderung. Damit wäre nicht nur die Putzfrau zufrieden, die jeden Tag 40 Kilometer in deinen Bakterienschleudern zu ihrem lausigen Job fahren muss, sondern auch der Postmanager, der auf seinem iPad das Handelsblatt liest, oder der Student, der erwarten darf, dass die hygienischen Bedingungen bei der Deutschen Bahn AG besser sind als in seiner WG-Küche.

Ich belästige dich, Bahn, recht selten mit meiner unwürdigen Präsenz. Denn ich ziehe eine entspannte Fahrt im Stau mit MEINEM Sound, mit MEINEN Fahrzeiten, mit MEINEM Geruch und MEINEM Müll in der Regel einer Fahrt mit einem deiner heruntergekommenen Viehwaggons vor. Nur wenn ich mein Rad mit nach Bonn nehme, um nach der Arbeit damit an der frischen Luft zurück nach Köln zu fahren, nehme ich dich zähneknirschend in Anspruch in Kauf. Für das Rad verlangst du zusätzlich bescheidene 2 Euro 70, dabei zahle ich doch schon genug an dich.

Dafür, dass ich dich so selten belästige, hast du mir allerdings schon oft zugesetzt. Der Prozentsatz der Tage, an denen ich PÜNKTLICH in einen deiner stinkenden Regionalzüge steigen durfte, ist gering. 

Ich muss mit großem Entsetzen feststellen, dass die meisten der von dir abhängigen Leute schon sowas von daran gewöhnt sind, von dir verarscht zu werden, dass sie keine Miene mehr verziehen, wenn einer deiner rollenden Krankheitserreger „ca. 5 Minuten“ später kommt. 

Ich, Bahn, habe heute morgen allerdings schon die Miene verzogen. Als sei es self fulfilling prophecy, war dein Zeitplan mal wieder hoffnungslos im Nirvana verschwunden. Seit heute bin ich aber – zumindest für ein paar Tage – von dir abhängig. Mein Auto ist in der Werkstatt, es wird eine längere Prozedur, und ich erlaube mir nun täglich, auf dein großzügiges Angebot einzugehen, mich in nur 20 Minuten zwischen Köln und Bonn hin- und her zu transportieren.

[By the way. Nimmt man den Begriff „großzügig“ im Zusammenhang mit dem Regionalverkehr der Bahn genau beim Wort, entsteht ein Paradoxon. Die Züge sind eher klein, siehe zB die Mittelrheinbahn.]

Jedenfalls hast du mich heute morgen mit deiner üblichen Verspätungsarie begrüßt, wer weiß, vielleicht hat sich wieder ein Verzweifelter vor eins deiner Suizidwerkzeuge geworfen. Das ist übrigens das Einzige, was auch beim Regionalverkehr sicher funktioniert, da muss der Selbstmörder nicht erst auf einen ICE warten. Deine überarbeiteten und schlecht bezahlten Zugführer, die so etwas erleben müssen, haben mein echtes Mitgefühl. 

Bahn, was ich von dir will, ist Respekt. Respekt vor uns Berufspendlern, die dir mit ihren Jobtickets wahrscheinlich sogar das meiste Geld bescheren. Die von dir abhängig sind. Wir sind deine treuesten Kunden, die du niemals verlieren wirst, weil es so viele von uns gibt. Keine Fluggesellschaft, kein Fernbus-Unternehmen wird uns dir wegnehmen. Immer wird es genug Studenten geben, die dich brauchen um aus irgendeinem Kaff zu ihrer Uni zu kommen. Es wird immer Arbeiter und Angestellte und Schlipsträger geben, die sich lieber in eins deiner schmutzigen Waggons pressen, anstatt im Stau zu stehen. Vielleicht denken manche auch an die Umwelt.

Und lass das mit der Ersten Klasse in Regionalzügen. Das ist doch nur ein schlechter Witz. Die kannst du für die Leute freigeben, die sonst in Gängen eingequetscht werden oder auf dreckigen Treppenstufen sitzen. Du könntest auch noch ein Waggon dranhängen in den Stoßzeiten. 

Bahn, zeig uns nie wieder Werbung von entspannten und schönen Menschen im sanft ausgeleuchteten Komfortwaggon, das entspricht nicht wirklich der Wahrheit. Auch deine sogenannte Erste Klasse im ach so tollen ICE spottet jeder Beschreibung, wenn sich eine Gruppe amerikanischer Pfadfinder in Ermangelung freier Sitzplätze in den billigen Klassen auf dem Veloursteppichboden verteilt und ein johlender Kegelverein sich kollektiv besäuft, kölsche Lieder singt und zum Picknick französischen Extremkäse auspackt.

Bahn, wenn du freies W-LAN anbietest und dabei in penetranter Weise mit einem weiteren Verein kooperierst, der ebenfalls durch Ignoranz gegenüber seinen Kunden glänzt, dann sag doch gleich, dass man sich dann doch erst mal bei der Telekom anmelden muss und für die „Freiheit“ 5 Euros latzen muss.

Bahn, steck dein Geld nicht in Projekte, die so bekloppt sind, dass sie neue Bevölkerungsgruppen generieren können, Wutbürger zum Beispiel. Bau bei uns am Kölner Südbahnhof stattdessen endlich eine kleine Brücke, die auch am anderen Ende des Bahnsteigs über die Gleise führt. Dieses unnötige Gelatsche nervt übelst.

Ich hab jetzt, Bahn, einen Termin in Köln, ich muss da pünktlich sein. Es ist noch keine Stoßzeit. 
Wenn jetzt was passiert, kriegst du gleich den nächsten Text. Ich hab da noch was für dich vorbereitet.

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Ein Gedanke zu „Manifest eines Wutpendlers

  1. Hah, schön. Mit viel Verve geschrieben. Ich perönlich frage mich ja schon länger, ob die immer wieder versuchte und weiter angestrebte Kapitalprivatisierung der Bahn am Ende uns Nutzern nicht mehr schadet als nützt.

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