#Aufschrei

Freitag war Ausnahmetag auf Twitter. Unter dem Hashtag #Aufschrei ist eine Debatte um Sexismus entbrannt, an der eigentlich  keiner mehr vorbei konnte. Es ging  darum, dass Frauen den Mut haben, in 140 Zeichen ihre Erlebnisse mit Sexismus zu schildern. Von der täglichen unterschwelligen Anmache auf der Straße, in der Bahn, in der Disco, beim Arzt, beim Job oder auch zu Hause.

Da sind ein paar ziemlich hässliche Sachen zu lesen. Von betroffenen Frauen und Mädchen, die echte Angst hatten oder haben. Eingeschüchtert, klein gemacht. Aber auch viele Sachen, die erst mal gar nicht so hässlich klangen. Aber wie hässlich müssen Sachen sein, die eine Frau gesagt bekommt, bis sie ernst genommen wird?

Reicht das, wenn ich erzähle, dass meine Tochter, als sie 13 war, von einem meiner „Freunde“ (damals 30) angemacht wurde („Ich würde dich jetzt gerne küssen“), als ich sie ihm für einen Abend anvertraut hatte? Oder hätte er sie erst mal an die Brüste packen müssen? Oder Schlimmeres?

Wann ist ein sexistischer Übergriff ein sexistischer Übergriff? In dem Moment, in dem mir ein Mann mit einem Spruch demonstriert, dass er die Macht hat.

Wenn mir ein hässlicher Kerl mit schalem Mundgeruch sagt, ich hätte einen Charme wie ein Betonpfeiler, dann heißt das für mich: Gut, der hat’s begriffen. Ich komm damit bestens klar und bin froh, dass ich den los bin.

Vielleicht ist das aber für eine Auszubildende, die beim ersten Betriebsausflug zögert, als es darum geht mit dem Chef Brüd–, nein Bruderschaft zu trinken, nicht so einfach wegzustecken. Wenn sie so einen Spruch kriegt, dann fühlt sie sich vielleicht sehr betroffen, weil sie sich vielleicht unter Druck gesetzt fühlt: Wenn ich das jetzt nicht mache, fliege ich raus. Und dann darf/muss sie das auch unter verbalem sexuellen Übergriff verbuchen.

Und so ein diskriminierender Spruch muss gar nicht mal was mit Sex zu tun haben.

Wenn mir mein ehemaliger Chef sagt: „Es ist nicht mein Problem, wenn Sie ihre Kinder nicht in den Griff bekommen“, dann verletzt mich das sehr und ist für mich ein Grund, das Ganze als persönlichen Angriff und sexistischen Übergriff zu betrachten. Oder von mir aus chauvinistisch. Heute kann ich sagen: was für ein Arschloch. Damals aber bin ich zur Frauenbeauftragten gegangen. Denn ich hatte echt ein Problem, alleinerziehend mit drei Kindern und Fulltime-Job. Ich hatte ihn lediglich gefragt, ob ich meine Arbeitszeiten um eine Stunde nach vorne verlegen könnte: Früher kommen, früher gehen. Dann hätte ich das mit Schule, Kindergarten und Nachmittagsbetreuung geschafft.

Aber andere Frauen sagen in solchen Momenten vielleicht: Der kann mich mal. Weil sie ein besseres Standing haben, oder weil sie selbstbewusster sind. Und das ist das Schwierige an der Debatte. Zu viele Faktoren spielen da mit, bei jeder Frau liegt die Messlatte woanders.

Eigentlich eine gute Debatte, aber in 140 Zeichen kaum zu führen. Daher finde ich es gut, dass (die sonst nervtötende) Alice Schwarzer, (die unerwartet direkte) Silvana Koch-Mehrin und (die unerschrockene und souveräne) Anne Wizorek den anderen Gästen (meine Güte, was für ein Bullshit kam da!!) bei Jauch, (der vergeblich versucht hat, das Thema ins Lächerliche zu ziehen) Kontra gegeben haben, dass sie die Debatte auf das runtergebrochen haben, worum es den ganzen Frauen hier geht: Darum, dass sie sich trauen, was zu sagen, und darum, dass alle drüber sprechen. Gut so.

Wenn es gelingt, Männer (und auch Frauen) dafür zu sensibilisieren, manchmal einfach besser die Klappe zu halten, dann haben Anne und Nicole, die das Ganze auf Twitter angestoßen haben, schonmal einen megaguten Job gemacht. Den Rest machen nun die anderen.

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