Preisverdächtig

Radio mache ich ja nicht mehr aber ich höre es noch. Und dazu gehört auch die Wissenschaftssendung „Leonardo“ auf WDR5.

Nachmittags um 16h. Das ist ein bisschen bieder, nett, gemütlich, und auch mal mehr, mal weniger interessant. By the Way möchte ich gerne den Musikredakteur an den Schultern packen und ordentlich durchschütteln, dieses französische Geseier und der andere EasyListenig-Quatsch den ganzen Tag – das ist schwer aushaltbar.

Zurück zu Leonardo und dem Stichwort „schütteln“. Die haben da so eine Rubrik, wo Hörer anrufen und eine Frage beantworten können. Und dabei können sie auch etwas gewinnen. Und zwar eine Schütteltaschenlampe.

Eine Schütteltaschenlampe.

Keine 5 000 Euro, keine Reise, kein Auto, keine Foo Fighters-Karten, noch nicht mal die CD der Woche – nein, es ist einfach eine kleine Taschenlampe.  So ein Tool das man überhaupt nicht braucht, weil jedes Handy mittlerweile heller leuchtet oder weil jeder Jogger mittlerweile mit Stirnlampen herumläuft und es joggen sehr viele Leute. Also eigentlich ein überflüssiges Ding.

Ist es das wirklich? Warum rufen die Leute da an wie blöd, hängen in der Leitung, machen sich ins Hemd vor Nervosität, schämen sich womöglich noch, wenn sie die Frage falsch beantworten, müssen vielleicht auch mal ne dumme Frage des Moderators aushalten – all das nur für eine Schütteltaschenlampe?

Fernsehgeschichte

Früher bei Dalli Dalli, als Hans Rosenthal seinen Kandidaten mit stolzem Gesicht verkündete: „Sie bekommen vom ZDF 250 Mark und eine Stereoanlage!“ – da haben sich die Leute gefreut. Wirklich gefreut. Echt.

Und dann kam Rudi Carrell. Terror am „Laufenden Band“!!! Viele schöne Dinge liefen wie in der Sushi-Bar an geweiteten Kandidatenaugen vorbei, der/die Arme musste sich die Gegenstände merken. Und dann aufsagen. Toaster, Staubsauger, Kaffeeservice, Stehlampe, Rumtopf, Schirmständer, Espressomaschine und und … und das Fragezeichen.

Der Konsumwahn war ins deutsche Fernsehen eingekehrt. Immerhin dauerte es noch fast zwei Jahrzehnte, bis das Privatfernsehen die Preise kaputt machte (ha!). Plötzlich gab es Autos, Häuser und Millionen zu gewinnen. Glücksrad, Der Preis ist heiß, Geh aufs Ganze – auf jedem Kanal wurde gezorkt, äh, gezockt.

Bei Jauch muss man wenigstens noch was wissen. Beim (danke Sonja), beim anderen RTL muss man die allerblödsten Placebo-Fragen beantworten wie: Wer tritt seit zehn Jahren bei DSDS an? Ist es a.) Michael Jackson oder b.) Menderes Bagci. 10 000 Euro Gewinnsumme. Beim Dschungelcamp muss man für 5 000 Euro nur anrufen. Keine Denkleistung erforderlich. Getoppt wird das nur noch von den Schreishows im nächtlichen Billigfernsehen. Wie viel sind 2 plus 2? Was, 7 sagst du? – ohhh, neee, das ist leider nicht richtig, schaaade, leider verloren, der nächste Anrufer und noch 2–, nein 300 drauf!

Und bei WDR5 gibt es nur eine kleine Schütteltaschenlampe. Und sie rufen trotzdem an. Vielleicht, weil sie einfach Lust haben. Weil sie sich dann auch richtig freuen, wenn sie gewinnen. Weil sie auch solche Preise wertschätzen.

Ich glaube, die Menschheit kann nicht so schlecht sein, wenn es noch Leute gibt, die sich über Schütteltaschenlampen freuen.

Ich bin guter Dinge.

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