Aussteigen: Die ultimative Lösung.

Der antike Philosoph Diogenes von Sinope vertrat die Ansicht, dass wahre Freiheit nur darin bestünde, dass man keine Bedürfnisse habe. So verabschiedete er sich vom Ballast des bequemen Lebens und zog in seine viel zitierte Tonne. Und damit ist er der erste bekannte Aussteiger-Fall in der Geschichte.

Viele hat es seither gegeben, von religiösen Gemeinschaften bis zu den Hippies – sie lebten den Traum vom Anderssein – und manche überlebten die Sache nicht. Da war dann schon mal die Natur im Weg, hunderte Hippies sind in Alaska erfroren – andere Aussteiger wurden von Kannibalen gegessen oder einfach nur umgebracht, weil ihre Präsenz den Eingeborenen nicht in den Kram passte.

Auch heute läuft man beim Totalausstieg Gefahr, dass man sich überschätzt: Eine Strandbar in Thailand zu eröffnen oder als Schafzüchter nach Australien zu gehen bedarf einer gewissen psychischen Standfestigkeit. Und eines gewissen Maßes an Realitätssinn: Ein bisschen Geld im Rücken ist definitiv von Vorteil, vor allem wenn das Projekt scheitert.

Ausgebrannt, aber nicht abgebrannt

Konkrete Fälle aus der – man mag es kaum glauben – Managerwelt häufen sich in den letzten Jahren. Burn Out ist das neue Zauberwort. Da merken die Leute irgendwann mal, dass sie nach einem 16 Stunden-Tag in der Führungsetage eines Großkonzerns gar keine Zeit mehr für Yachten, Autos, Frauen haben. Wozu also dieser ganze Kram – weg damit.

Den Job kann ein anderer machen, hat sich auch der Manager Frank Krause gesagt, hat gekündigt, seine Sachen verkauft und ist mit zwei Koffern nach Australien geflogen. Sechs Monate reiste er durch den Kontinent und schrieb Tagebuch. Geläutert und befreit kam er nach dieser Zeit zurück – mitten ins Epizentrum der dauerhaft überarbeiteten Banker, Börsianer und Manager – nach Frankfurt am Main. Als Coach und Unternehmensberater versucht er nun, den Burn Out gefährdeten Finanzjongleuren ein Stück Lebensqualität beizubringen.

Viele prominente Beispiele fürs Aussteigen auf Zeit haben wir hier in Deutschland zu bieten: Der Showmaster Hape Kerkeling hat sich für sches Wochen auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela begeben – jeden Kilometer ist er zu Fuß gegangen und hat seine Erlebnisse in einem Buch beschrieben, einem Bestseller natürlich, ich habe das Buch auch.

Zum Weglaufen!

Der Aussteiger Karl Theodor zu Guttenberg hat den Rummel um seine gefälschte Doktorarbeit zum Anlass genommen, seine Familie einzupacken und in die USA überzusiedeln. Schneller als man gucken kann, ist er schon wieder zurückgekehrt und setzt sich nun in einer EU-Kommission für die Freiheit des Internets ein. Ein Schelm, wer dabei falsche Schlüsse zieht. Also, eine im Netz veröffentlichte Dissertation wird auch mit Ex-Doktor zu Guttenberg noch lange nicht zum Kopieren freigegeben.

Die FDP-Boygroup hat Ende 2011 einen ihrer Köpfe verloren, Aussteiger Christian Lindner wollte offenbar nicht mehr an der Implosion seiner Partei teilhaben und verließ seinen Posten als Generalsekretär. „Fahnenflucht!“ schimpfte man ihm nach, und böse Zungen behaupten, er warte nur ab, bis sich die FDP gänzlich zerlegt hat, um dann wie der Phoenix aus der Asche aufzutauchen und einen fulminanten FDP-Neustart zu zünden. Als Chef. Dass der junge Mann mit seinen 32 Jahren sich mal nicht zuviel vornimmt und wir ihn in einem der Burn-Out Seminare des Ex Managers Frank Krause wieder finden. Nun, erst mal müssen wir ihn als NRW-Vorsitzenden noch ein bisschen in diversen Talkshows ertragen.

Macht und Geld können also krank machen, Arbeit und Verantwortung treiben Menschen in Psychosen. In einem Dorf in der Sahelzone erntet man große Lacher, wenn man davon erzählt, dass in Deutschland Banker und Manager reihenweise umkippen, weil sie den Arbeitsdruck nicht mehr aushalten. Meine Güte, was für ein Luxuspoblem!

Aber stimmt doch. Wir haben zuviel und damit mehren sich unsere Pflichten. Die Lösung ist einfach: Freiheit durch Verzicht – schon sind wir wieder beim Philosophen Diogenes, der vor 2400 Jahren gezeigt hat, wie man als Aussteiger zu sich selbst finden kann. Dazu muss man heutzutage nicht unbedingt in einer Tonne leben.

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