Oh Gott. Sind wir alle onlinesüchtig?

Die Bundesregierung hat die Internetsucht in ihren Drogenbericht mit aufgenommen. Sicher gibt es Menschen, die ihre sozialen Kontakte gegen Tastatur und Monitor eintauschen. Das ist doch nur ein Bruchteil der Internetuser, meine ich.

Wenn ich das mal realistisch überschlage, bin ich täglich durchschnittlich zehn Stunden im Netz. Damit bin ich nicht alleine. Alle meine Kollegen nutzen das Internet. Recherche, Nachrichten checken. Mails an Autoren, Redakteure, Chefs, Kollegen. Ein Übersetzungsprogramm, der Online-Duden. Facebook zur Kontaktpflege, Twitter für die ganz schnellen News aus einem Interessengebiet. Unterwegs die Email-App auf dem Smartphone, dem Blackberry – ständige Erreichbarkeit.

Journalisten könnten ohne Netz gar nicht mehr arbeiten. Nähme man es uns weg, nähme man uns die Informationen, die wir für unsere tägliche Arbeit im dritten Jahrtausend brauchen.

Konsum oder Sucht?

Meine Tochter ist täglich durchschnittlich zwölf Stunden online. Auch sie recherchiert und sammelt Informationen für ihre Studienfächer. Sie ist auf Facebook aktiv, ihr iPhone ist stets auf Empfang. Grupppenchats, Verabredungen, Diskussionen. Alles leicht und schnell, unkompliziert ohne lange Telefonketten und umständliche Absprachen. Ohne ihr Smartphone wäre sie außen vor. Nähme man es ihr weg, nähme man ihr die Kommunikationsmöglichkeit, die unter Freunden im dritten Jahrtausend nicht mehr wegzudenken ist.

Sind wir Internetsüchtig, weil wir täglich viel Zeit vor Monitoren und Displays verbringen? Hat jemand einen begeisterten Bücherwurm, der in der Woche drei dicke Historienschinken verschlingt, schon mal als buchsüchtig bezeichnet?

Ja, es gibt sie, die unglücklichen Menschen, die ihre sozialen Kontakte verloren haben, die zu Hause vorm Bildschirm hocken und nichts mehr um sich herum wahrnehmen. Auf der Suche nach spannenden Chats, nach Onlinespielen, nach anonymem Kontakt und digitalem Kick. Ja, diese Menschen sind sicher süchtig. Wer nervös ist, weil er zwei Stunden nicht auf Facebook nachgucken konnte, was es Neues gibt, der ist sicher gefährdet. Wer im Urlaub nicht abschalten kann und ständig auf sein Blackberry schielt, dem sollte man es wegnehmen.

Fortschrittsglaube muss nicht krank machen

Klar sind wir im dritten Jahrtausend abhängig geworden vom Internet. Genauer gesagt: Wir haben uns abhängig gemacht. Und das auch noch mit dem größten Vergnügen! So ist und war das doch mit jeder neuen Technologie. Seit Urzeiten haben wir uns abhängig gemacht von den Früchten des menschlichen Erfindungsgeistes. Wer wollte denn noch zu Fuß gehen, nachdem das Rad erfunden wurde? Wer wollte noch handschriftliche Kopien anfertigen, nachdem Gutenberg die Druckerpresse erfunden hatte? Wer wollte noch mit Postkutschen herumfahren, während die Welt mit Eisenbahnschienen überzogen wurde?

Bevor ich umständlich Landkarten und Telefonbücher aus verstaubten Regalen zerre, gucke ich doch lieber mal schnell im Netz nach. Wenn ich mich mit vielen Freunden spontan zum Grillen verabreden will, poste ich es auf Facebook – da sind die nämlich auch alle. Ich finde das Internet nützlich, genial, eine großartige Erfindung. Genau so wie ich gerne Wein trinke. Doch süchtig bin ich nicht. Wenn das Netz mal kaputt geht, kann ich immer noch ein verstaubtes Lexikon aus dem Regal ziehen, ohne dass ich Entzugserscheinungen bekomme.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s